Humboldt-Universität zu Berlin - Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik und Hermeneutik

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DFG-Projekt: Das bedingungslose Grundeinkommen und seine normativen Grundierungen. Kontexte – Modelle – Debatten.

Das von der DFG geförderte Forschungsprojekt untersucht das Bedingungslose Grundeinkommen als sozialethisches und gesellschaftspolitisches Leitkonzept.

Projektteam: Prof. Torsten Meireis, Dr. Clemens Wustmans, Prof. Traugott Jähnichen, Dipl.-Theol. Ole Rüter, Dipl.-Theol. Christopher Dalitz, Prof. Nadine Bowers du Toit (Mercator-Fellowship)

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Forschungsprojekt (2026-2028) untersucht das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) als sozialethisches und gesellschaftspolitisches Leitkonzept. Im Zentrum steht die Frage, unter welchen normativen Voraussetzungen ein BGE begründet werden kann, welche anthropologischen, gerechtigkeitstheoretischen und sozialethischen Annahmen unterschiedlichen Modellen zugrunde liegen und wie deren Umsetzung in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten ethisch zu bewerten ist. Leitend ist die Annahme, dass Vorstellungen vom guten Leben Höhe, Ausgestaltung und Zielrichtung eines Grundeinkommens prägen und sich in unterschiedlichen Formen sozialpolitischer Instrumentierung niederschlagen.

Kontexte – Das Projekt verortet die europäische Grundeinkommensdebatte im Kontext des seit den 1980er-Jahren diskutierten Strukturwandels der Arbeit. Digitalisierung, Globalisierung, demographische Verschiebungen und die Ausweitung atypischer Beschäftigungsformen setzen die Erwerbsarbeit und die daran gekoppelten Systeme sozialstaatlicher Sicherung unter Rechtfertigungsdruck. Das Grundeinkommen erscheint hier als mögliche Antwort auf krisenhafte Transformationen der Arbeitsgesellschaft. Diese Konstellationen werden sozialhistorisch rekonstruiert, um die damit verbundenen ethischen Problemstellungen sichtbar zu machen.

Global betrachtet entstehen Begründungen für ein bedingungsloses Grundeinkommen jedoch in teils deutlich anderen sozialen und normativen Horizonten. In ostasiatischen Wohlfahrtsstaaten sowie in Regionen des globalen Südens stehen weniger krisenhafte Veränderungen der Erwerbsarbeit als vielmehr Fragen existenzieller Sicherung, informeller Arbeit, sozialer Ungleichheit oder staatlicher Leistungsfähigkeit im Vordergrund. Das Projekt untersucht diese unterschiedlichen Problemzuschnitte vergleichend und rekonstruiert die jeweils zugrunde liegenden ethischen Begründungsmuster. Die vergleichende Perspektive wird durch zwei internationale Konferenzen mit ausgewiesenen Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen regionalen und disziplinären Kontexten vertieft.

Modelle – Auf dieser Grundlage analysiert das Projekt zentrale Modelle des BGE. Diese werden sozialhistorisch kontextualisiert und typologisch geordnet, um ihre sozialpolitischen, ökonomischen und anthropologischen Voraussetzungen offenzulegen. Ein besonderer Fokus liegt auf den normativen Grundierungen der Modelle, insbesondere auf ihren Vorstellungen von Arbeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Teilhabe und gutem Leben. Ziel ist die Entwicklung einer kontextsensiblen ethischen Kriteriologie, die eine differenzierte Beurteilung der moralischen Plausibilität, der sozialen Wirkungen und der politischen Umsetzbarkeit verschiedener Grundeinkommenskonzeptionen erlaubt. Die gewonnenen Ergebnisse werden in einem Policy-Paper gebündelt, das zentrale normative Orientierungen für politische, kirchliche und zivilgesellschaftliche Entscheidungsträger:innen systematisch aufbereitet.

Debatten – Das BGE wird in gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Diskursen kontrovers verhandelt. Die divergierenden Positionen lassen sich wesentlich auf unterschiedliche, oft implizite normative Grundannahmen zurückführen. Während soziale Sicherung teils als Instrument zur Aktivierung von Erwerbsarbeit verstanden wird, rücken andere Perspektiven Teilhabegerechtigkeit, Freiheitssicherung und Würdegarantien in den Vordergrund. Kirchliche Stellungnahmen fallen auf protestantischer Seite bislang überwiegend zurückhaltend oder kritisch aus. Das Grundeinkommen erscheint hier häufig als Spannungsfall zu etablierten Vorstellungen von Arbeit, Leistung und Verantwortung. Das Projekt rekonstruiert diese Einwände in ihren historischen und sozialethischen Kontexten und untersucht ihre theologische und normative Begründungsstruktur.

Methodisch verfolgt das Projekt einen interdisziplinären und kohärentistischen Ansatz. Normative sozialethische Analysen werden systematisch mit empirischen Befunden vermittelt. Analysiert werden sowohl wissenschaftliche Fachdebatten als auch politische Programmatiken und zivilgesellschaftliche Diskurse.

Das Projekt verbindet grundlagenethische Klärung mit anwendungsorientierter Reflexion. Es zielt darauf, zur Versachlichung eines stark zivilgesellschaftlich geprägten Grundeinkommensdiskurses beizutragen und zugleich eine normative Orientierungsfunktion für kirchliche Akteur:innen zu übernehmen. Auf diese Weise leistet es einen eigenständigen protestantisch-sozialethischen Beitrag zur wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen.