Humboldt-Universität zu Berlin - Theologische Fakultät

Rechtspopulismus, Religion und Geschlecht

Öffentliche Eröffnungsveranstaltung mit Landesbischof Friedrich Kramer, EKM und Festvortrag von Prof.in Dr.in Ulrike E. Auga mit anschließender Diskussion
  • Wann 23.01.2021 von 18:00 bis 21:00 (Europe/Berlin / UTC100)
  • Wo online
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Im Vortrag werden Erscheinungsformen, Ursachen und Gegenstrategien zum
Rechtspopulismus in Deutschland aufgezeigt. Es wird fokussiert, wie die
Kategorien Religion und Geschlecht im Rechtspopulismus zentral und
wechselseitig ausgenutzt werden. Zunächst werden Entstehung, Auftreten,
Organisation und Medienbindung des Rechtspopulismus beschrieben.
Grundlage des Populismus ist die romantisierte Vorstellung eines
homogenen „Volkes“ als identitätsstiftendes Ideal.
Rechtspopulist*innen bestimmen ihr „Volk“ entlang
rassistisch-chauvinistischer Grenzen. Die „Anderen“ werden durch
übersteigerte ethnische, religiöse, kulturelle, sexuelle und
politische Ausgrenzungskriterien definiert. Religion dient dem
Rechtspopulismus als Ressource. Die Berufung auf „das“ Christentum
gepaart mit einer Diffamierung „des“ Islam avanciert zum
Hauptmerkmal, das die meisten rechtspopulistischen Gruppen in Europa
teilen. Sie identifizieren sich pro forma mit dem Christentum, um die
abendländische Kultur gegenüber einem monolithisch verstandenen Islam
zu erhöhen und der christlichen Tradition der Nächstenliebe, Toleranz
und Aufklärung einen Islam gegenüberzustellen, der mit Fanatismus,
Gewaltbereitschaft und Unterdrückung von „Frauen“ und Homophobie
assoziiert wird. Die Kategorie Geschlecht steht im Zentrum
rechtspopulistischer Ideologie. Es formierte sich weltweit eine
anti-feministische Bewegung, die gegen Gleichstellung, Frauen- und
Geschlechterforschung sowie sexuelle Vielfalt mobilisiert. Auch
rechtspopulistische und extrem rechte Kräfte benutzen den
Anti-Gender-Diskurs für ihre nationalistische Propaganda wie bei der
PEGIDA und der AfD. Orban setzte die Abschaffung der Gender Studies an
ungarischen Universitäten durch. „Anti-Genderismus“ fungiert als
Kit zwischen konservativen katholischen Gruppierungen, elitären,
ultrakonservativen Organisationen und rechtspopulistischen Gruppen, die
sich als Vertretung der „kleinen Leute“ inszenieren, wie auch einige
Linksliberale, die gegen die „political correctness“ von
„Gender“ polemisieren. Ein binäres, heteronormatives
Geschlechterkonzept mit traditioneller Arbeitsteilung zwischen
männlichem Familienernährer und der „Frau“ als Mutter und
Sorgearbeiterin gehören zur rechten populistischen Grundeinstellung.
Rechtspopulismus eignet sich Traditionen des Christentums selektiv und
verfälschend an, um gegen Schwangerschaftsunterbrechung und Rechte von
LGBTIQ* aufzutreten. Emanzipatorischen Strömungen in Christentum und
Islam ist es erschwert, in der Gesellschaft als Partnerinnen für
Handlungsmachtgewinn wahrgenommen zu werden. Der Rechtspopulismus
entwirft sich entlang einer (pseudo-)religiös-nationalistischen,
essentialisierten „Identität“. Eine Auseinandersetzung mit
rechtspopulistischen Parteien und Bewegung kommt daher nicht ohne die
Dekonstruktion des populistischen Volks- und Nationenbegriffs aus, die
eine Erfindung sind. Geschlecht und Religion werden in ihrer Funktion
als diskursive Kategorien der Wissensproduktion im Vortrag gezeigt.