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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

BThZ Beiheft 2006

Gott in der Kultur


MICHAEL VON BRÜCK
Verwehte Transzendenz? Adaptionen des Buddhismus vor dem Hintergrund der europäischen Religionsgeschichte

Die buddhistische Transzendenz ist eine Aussage über das Erkennen; es handelt sich um keine mystische Formel und auch nicht um einen ontologischen Satz, sondern um einen noematischen. Die befreiende Kraft der Transzendenz ist eine Befreiung vom Verhaftetsein an und in Denkkonstruktionen. Mit anderen Worten deutlich zu machen: Leere ist nicht aussagbar, und zwar nicht deshalb, weil es sich um eine mystische Nicht-Aussagbarkeit des Intuitiven handeln würde (Strengs zweiter Sprachtyp), sondern weil es um die Überwindung des mentalen Anhaftens an Konzepten geht, und gerade deshalb nicht um eine „Realitätsaussage“.

Buddhist transcendence is a noematic notion concerning the processes of knowing, it is neither a mystical formula nor an ontological reference. The liberating power of ‘transcendence’ is the liberation from clinging to structures, notions and models of thinking. In other words: Emptiness cannot be expressed in language, but not because it would be a mystical ineffability of the Intuitive grasping a ‘transcendental reality’, but because it has to do with the overcoming of clinging to mental conceptualisations.


ENNO RUDOLPH
Kultur ohne Religion? Die Religion innerhalb der Grenzen einer säkularisierten Kultur

Mit Bezug auf die Tradition der politischen Theologie wie auch auf Immanuel Kant einerseits und Hans Blumenberg andererseits diskutiert der Beitrag drei Säkularisationsmodelle – zwei Modelle der „Aneignung“ (Kant, Hobbes) und eines der „Enteignung“ (Blumenberg) – und kommt zu dem Schluss, dass ein historischer Synergieeffekt aller drei den Sieg der Säkularisierung über die Religion begünstigt hat.

Referring to the tradition of political theology as well as to Immanuel Kant on the one hand and at least to Hans Blumenberg on the other hand the essay discusses three models of secularisation – two different models of “Aneignung” (Kant, Hobbes) one of “Enteignung” (Blumenberg). The essay comes to the conclusion that there was certain historical synergy of all of them which was in favour of the victory of secularisation over religion.


INKEN MÄDLER
Spuren des Religiösen in der bildenden Kunst der Moderne. Caspar David Friedrich – Gerhard Richter

In vielen Werken der Modernen Kunst ist die religiöse Dimension nicht direkt erkennbar, sondern erschließt sich allenfalls mittelbar in Form visueller Progressionen. Angesichts abstrahierender Darstellungsweisen in ihrer formalen und farblichen Unbestimmtheit wird der Blick der Betrachter in Bewegung gesetzt und Transzendenz ikonisch reformuliert. Derartige Kunstgriffe – an denen sich Friedrich D.E. Schleiermachers Unterscheidung zwischen einem sogenannten ‚religiösen‘ und einem ‚geselligen‘ Stil in der Kunst orientiert – kennzeichnen sowohl das Werk Caspar D. Friedrichs als auch Gerhard Richters.

In several works of Modern Art the religious dimension is not accessible by means of a direct approach but perceptible only in form of a transcendent visual progression. Mediated by indefinite pictorial elements, the visual focus of an observer is set in motion and transcends itself. This artistic skill to create such indefiniteness – which determines Friedrich D.E. Schleiermacher’s distinction between a socalled ‘religious’ and a ‘sociable’ style in art – characterises both the paintings of Caspar D. Friedrich and Gerhard Richter.


CHRISTOPH SCHWÖBEL
Wiederverzauberung der Welt? Die Transzendenzen der Kultur und die Transzendenz Gottes

Ausgehend von Max Webers kulturdiagnostischer These von der „Entzauberung der Welt“ durch ihre wissenschaftlich-technische Beherrschung wird in diesem Aufsatz die Revitalisierung der Religionen und das Wachstum postsäkularer Religiosität auch in der Kultur als Ausdruck der „Wiederverzauberung der Welt“ gedeutet. Die Transzendenzen der Kultur erscheinen in ihren unterschiedlichen hoch- und popkulturellen Ausprägungen als „Schadensausgleich“ für die berechenbar beherrschte Welt. Die theologische Reflexion auf das christliche Verständnis der Transzendenz Gottes als „Inversion“ der Transzendenz, als Selbstüberschreitung Gottes in Schöpfung, Versöhnung und Vollendung, begründet demgegenüber die Deutung der Transzendenzen der Kultur als „Wertzuwachs“ der geschöpflichen Kultur: Die De-divinisierung der Transzendenzen der Kultur durch die Transzendenz Gottes erscheint als Beitrag zur Humanisierung der Kultur.

Against the backdrop of Max Weber’s thesis of the „disenchantment of the world“ by means of its technological domination, the current re-vitalisation of religions and the growth of post-secular religiosity, also in the realm of culture, are analysed in this paper as symptoms of a „re-enchantment of the world“. The transcendences of culture appear in their diverse expressions in high culture and pop culture as a compensation for the loss of meaning in the technologically dominated world. Theological reflexion on the understanding of the transcendence of God in Christian faith as the inversion of transcendence, God transcending the absoluteness of divine life in the creation, reconciliation and perfection of the world, lays the foundation for interpreting the transcendences of culture as an increase in value of creaturely culture: The de-divinisation of the transcendences of culture through the transcendence of God offer a contribution towards the humanisation of culture.


HERTA NAGL-DOCEKAL
Religion unter säkularisierten Bedingungen? Habermas und Kant über Glaube und Moral in der Moderne

Kann der zunehmenden Entsolidarisierung, die sich gegenwärtig abzeichnet, durch eine Übersetzung normativ relevanter Glaubensgehalte in eine säkulare Sprache entgegengewirkt werden, wie Jürgen Habermas vorschlägt? In Auseinandersetzung mit dieser Frage wird dargelegt, dass Kants Erörterung des Verhältnisses von Moral und Religion von aktueller Bedeutung ist – auch hinsichtlich der gegebenen Pluralität von Religionsgemeinschaften.

Can the decrease in solidarity which currently marks Western societies be overcome by translating normatively relevant religious teachings into a secular language, as Jürgen Habermas suggests? Discussing this issue, this essay contends that Kant’s reflections on the relation of morality and religion provide valuable differentiations – also with regard to the given plurality of religious communities.