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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

BThZ Beiheft 2005

Freier oder unfreier Wille? Handlungsfreiheit und Schuldfähigkeit im Dialog der Wissenschaften


THOMAS WABEL
Konturen eines Konsenses. Zur Debatte um Willensfreiheit und Verantwortung zwischen Neurobiologie, Philosophie, Rechtswissenschaft und Theologie in diesem Heft


CHRISTOF GESTRICH
„Freier oder unfreier Wille? Handlungsautonomie im wissenschaftlichen Dialog“. Einführende Hinweise zur Eröffnung der XIII. Werner-Reihlen-Vorlesung am 16.11.04 im Großen Senatssaal Humboldt-Universität zu Berlin


PETER BIERI
Untergräbt die Regie des Gehirns die Freiheit des Willens?

Der Text entwickelt die These, dass keine Entdeckung der Gehirnforschung die Freiheit unseres Willens in Frage zu stellen vermag. Behauptet wird, dass das aus begrifflichen Gründen unmöglich ist. Das Argument arbeitet mit dem Gedanken von verschiedenen Ebenen der Beschreibung von Menschen und zeigt, dass die Ergebnisse der Neurobiologie nur denjenigen zu erschrecken vermögen, der einer ungereimten Idee von Freiheit anhängt.

The essay develops the thesis that no discovery of brain research is capable of jeopardizing the freedom of our will. The claim is that it is for conceptual reasons that this is impossible. The argument invokes the notion of different levels of description of man and shows that neurobiological results will frighten only someone who is committed to an incoherent notion of freedom.


GERHARD ROTH
Willensfreiheit und Schuldfähigkeit aus Sicht der Hirnforschung

Seit langem gehegte Zweifel an der Existenz von Willensfreiheit im Sinnes des Andershandeln-Könnens unter sonstigen identischen Bedingungen (Alternativismus) werden von neuen Befunden und Einsichten der Hirnforschung und der Handlungspsychologie bekräftigt. Der subjektiv empfundene Willensakt ist nicht die Ursache, sondern ein Bewusstseinskorrelat von Willkürhandlungen, die vom Gehirn vorbereitet und gesteuert werden. Dies stellt hinsichtlich der Schuldfähigkeit von Straftätern wichtige Grundlagen des deutschen Strafrechts, das wesentlich auf dem Prinzip des Alternativismus aufbaut, in Frage. Ein Verzicht auf dieses Prinzip im Strafrecht würde die Prinzipien der Erziehung des Täters, der Abschreckung und des Schutz der Gesellschaft in das Zentrum stellen.

Long-lasting doubts about the existence of a free will as the possibility of acting differently under otherwise identical conditions (alternativism) are corroborated by new empirical data and insight of brain science and psychology of action. The subjectively experienced act of will is not the cause, but a conscious correlate of voluntary actions, which are prepared and controlled by the brain. This calls important parts of German criminal law into question, which is explicitly based on the principle of alternativism. A rejection of this principle in criminal law would lead to a concentration on the components of education of the perpetrator, deterrence and the protection of society.


EBERHARD SCHOCKENHOFF
Wie frei ist der Mensch? Zum Dialog zwischen Hirnforschung und theologischer Ethik

Der Beitrag setzt sich kritisch mit den reduktiven Tendenzen radikaler Spielarten der modernen Neurowissenschaften auseinander. Dabei werden die Verwechslung von Ursachen und Gründen, ungeklärte Prämissen einer naturalistischen Ontologie sowie die Elimination des Subjekts aus der neurowissenschaftlichen Beschreibungssprache diskutiert. Im zweiten Teil wird die Freiheit als praktische Aufgabe des Menschen im Anschluss an die aristotelisch-thomanische Tradition erörtert, in der Freiheit als das rationale Moment am natürlichen Streben des Menschen erscheint. Im dritten Teil erfährt die philosophische Grundaussage, dass Freiheit keine natürliche Eigenschaft des Menschen, sondern ein praktischer Auftrag ist, eine theologische Bestätigung.

This article critically tackles reductive tendencies within radical varieties of modern neurosciences. The confusion of motives and reasons, unspecified premisses of a naturalistic ontology, and the elimination of the subject from the neuroscientific descriptive language are discussed. The second part primarily deals with human freedom as a practical responsibility according to the aristotelian-thomist tradition in which freedom appears as the rational factor of every human being’s natural striving. Finally, in the third part, the philosophical axiom that freedom is not a natural quality of the human being but a practical task to be fulfilled is theologically confirmed.


THOMAS HILLENKAMP
Willensfreiheit ist Illusion – oder: Was lässt die Hirnforschung vom Strafrecht übrig?

Namhafte Vertreter der deutschen Hirnforschung glauben, den naturwissenschaftlich-empirischen Beweis für die Nichtexistenz von Willensfreiheit führen zu können. Willensfreiheit ist danach Illusion. Daraus entspringt die Forderung, ein an individuelle Schuld anknüpfendes Strafrecht abzuschaffen. Abgesehen davon, dass die Basis dieser Forderung angreifbar und die Schlussfolgerung verfrüht ist, versucht der Verf. klar zu machen, dass ein Schuldstrafrecht humaner und liberaler ist als das von den Hirnforschern verlangte Schutzrecht und dass man auch deshalb auf das auf individuelle Vorwerfbarkeit abstellende Strafrecht nicht verzichten sollte.

Noted scientists in German neuroscience contend to be able to produce scientific and empirical evidence for the non-existence of a free will. Accordingly, the concept of free will is an illusion. As a consequence thereof arises a demand to abolish any criminal law system that is based on individual responsibility and culpability. Apart from the basis of this demand being contestable and the conclusion being premature, the author tries to point out that a criminal law system based on responsibility and culpability is more humane and more liberal than the preventive law system called for by the neuroscientists. Hence, the author concludes that one should not renounce ascribing criminal accountability to individual responsibility and culpability.


ERNSTPETER MAURER
Der unverfügbare Wille – jenseits von freier Entscheidung und Determination

Mein Beitrag konzentriert sich auf die reformatorische Lehre vom unfreien Willen. Diese radikale Position betont die Selbst-Entzogenheit der menschlichen Person. Die These impliziert weiterhin interessante Durchblicke auf die menschliche Person und ihre Freiheit. Wir gelangen dabei auf eine Ebene jenseits von Dualismus und Physikalismus. Dabei erweist sich die Vorstellung eines Ich-Zentrums als Illusion. Hier zeichnet sich der Gegensatz von Glaubensgelassenheit und sündiger Verkrampfung ab.

This paper concentrates on the Reformers’ thesis that the fundamental direction of the human will is not at the person’s disposal. This bondage of the will is ambivalent, however, because there may be experiences of determination disclosing personal freedom. Moreover, there are forms of determination that are physically realised but not explicable in terms of causality. Moved by the Divine Spirit, the individual person is part of that movement and liberated from the illusion of a self-centered „I“.