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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

BThZ Beiheft 2002

Die Aktualität der Antike. Das ethische Gedächtnis des Abendlandes


CHRISTOF GESTRICH
Zu diesem Band

Neuorientierungsprozesse ereignen sich weltweit seit dem Anfang des 21. Jahrhunderts. Das trifft für Europa sogar besonders zu. Wie tiefgreifend das Bedürfnis nach neuer Ausrichtung insbesondere im Kulturellen, im Ethischen und im Religiösen ist, zeigt sich daran, dass viele heutige Denker das Bedürfnis haben, sich des europäischen Weges von seinen ersten Anfängen her neu zu vergewissern. Die Antike hat darum Konjunktur. Auf der einen Seite ist zwar das humanistische Gymnasium, das am Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgreich aufzusteigen begann, inzwischen eine schulische Randerscheinung geworden. Lateinisch und Altgriechisch kämpfen auch an den Universitäten fast schon ums Überleben. Auf der anderen Seite ist aber die philosophische, religionswissenschaftliche, historische, soziologische und archäologische Altertumskunde ein sehr zeitgemäßer Fächerverband geworden. Viele erkennen, dass in der im weitesten Sinne aufs Mittelmeer bezogenen antiken Geschichte die Anfänge fast aller unserer Dinge liegen, des Glaubens, der Ethik, der Wissenschaft, der Demokratie. Da man Neuorientierung nötig hat, sieht man sich veranlasst, die eigenen Themen und Probleme von den Quellen her anzugehen, ihre ursprüngliche Gestalt aufzusuchen, von der aus sie dann einen verwickelten weiteren Weg genommen haben.

Im Übergang von Platon zu seinem Schüler Aristoteles sind schon fast alle philosophischen Fragestellungen, die die Welt heute kennt, in ihrer Grundgestalt enthalten. Neuplatonismus und Stoa bieten in gewisser Weise überdies bis zum heutigen Tag unüberholte Orientierungen. Doch darf nicht vergessen werden, wie es manchmal droht, dass auch das alte Israel und die hebräische Bibel (und hinter ihnen Ägypten, neben und nach ihnen das Neue Testament) zu den die moderne Ethik tief mitprägenden Wurzeln gehören!

Die Verhältnisbestimmungen von Antike und Neuzeit sind gegenwärtig stark im Fluss. In den kulturwissenschaftlichen Disziplinen haben sich neue Fragestellungen von überraschender Natur eingestellt (s. hierzu die Einführung von Till Hüttenberger). Die Vorträge der X. Werner-Reihlen-Vorlesung im Großen Senatssaal der Humboldt-Universität zeigen samt den Diskussionen viel von dieser aktuellen Paradigmenkorrektur.


JAN ROHLS
Die Rückkehr der Tugend. Das griechische Erbe in der modernen Ethik

Ausgehend von Alsdair MacIntyre's Plädoyer für eine Erneuerung der antiken Tugendethik wird die grundsätzliche Frage nach dem griechischen Erbe in der modernen Ethik gefragt. Dabei werden die Tugend-, die Pflichtethik und die Güterethik behandelt. Am Schluss kommt das Verhältnis von Ethik und Politik zur Sprache.

On the background of Alasdair MacIntyre's restoration of the Aristotelian ethics of virtues the article asks for the Greek heritage in modern ethics. It deals with three main types of ethics - ethics of virtues, of duty and of values - all of them having their roots in ancient Greek ethics. Subject of the final part is the relation between ethics and politics.


ECKART OTTO
Gerechtigkeit in der orientalischen und okzidentalen Antike. Aspekte für den ethischen Diskurs in der Moderne im Spannungsfeld zwischen Max Weber und Ernst Troeltsch

Die Gerechtigkeitsidee der orientalischen Antike betont im Gegensatz zu der des frühen Griechenland die Kohäsion der Gesellschaft, indem die Fürsorge für die der Hilfe Bedürftigen im Zentrum steht. Es gelingt aber weder in Mesopotamien, wo dieser Aspekt der Gerechtigkeit nur durch Außerkraftsetzung des Vertragsrechts zur Geltung gebracht werden kann, noch in der Hebräischen Bibel, in der die soziale Ethik neben das Recht tritt, Recht und Gerechtigkeit zu vermitteln. Erst in den modernen Verfassungs- und Sozialrechten gelingt die Vermittlung.

In Ancient Near Eastern antiquity the idea of justice contrary to the definition in early Greece included aspects of social solidarity. But neither in Mesopotamia, where the aspect of social justice could only be realized by canceling valid contracts, nor in the Hebrew Bible, where the social ethical programs complemented the law without any realization, laws and justice could be connected effectively. Only modern legal systems realize the social aspects of justice in social laws and mediate between law and justice.


WOLFGANG PALAVER
Die antike Polis im Lichte biblischer Gewaltanschauung. Die mimetische Theorie René Girards zum Problem des Politischen

Mittels der Theorie Girards lässt sich die Freund-Feind-Unterscheidung der antiken Polis auf den Sündenbockmechanismus zurückführen. Die biblische Offenbarung enthüllte diese Gründungsgewalt und führte langfristig zu unserer Welt der Globalisierung, in der wir immer weniger auf gewalteindämmende Freund-Feind-Muster zurückgreifen können, sondern mit Hilfe der Kirchen die politische Bedeutung der Gewaltfreiheit neu entdecken müssen.

Girard's theory helps to find the roots of the friend-enemy-distinction governing the ancient polis in the scapegoat mechanism. The biblical revelation uncovered this foundational violence and led to our world of globalization, in which we are less and less able to rely on traditional friend-enemy patterns but need the help of the churches to discover the political meaning of nonviolence anew.


CHRISTOF RAPP
Gemeinschaft und individuelle Glückssuche. Bemerkungen zum Verhältnis von antikem und modernem Kommunitarismus

Der vorliegende Text soll das Verhältnis von modernem und antikem Kommunitarismus erhellen. Es werden verschiedene Aspekte diskutiert, hinsichtlich derer die individuelle Glückssuche von der Gemeinschaft in der wir leben, abhängig ist. Während moderne Kommunitaristen behaupten, dass das für den Einzelnen Gute von der jeweiligen Gemeinschaft definiert wird, nehmen antike Philosophen eine bescheidenere Position ein.

This paper is intended to shed some light on the relation between modern and ancient communitarians. It discusses several respects in which the individual pursuit of happiness is dependent on the community in which one lives. While modern communitarians claim that what is good for the individual must be defined by the common good of the respective community, ancient philosophers, especially Aristotle, make a more modest claim.


ARBOGAST SCHMITT
Individualität als Faktum menschlicher Existenz oder als sittliche Aufgabe? Über eine Grunddifferenz im Individualitätsverständnis von Antike und Moderne

Individualität gilt als eine der intimen Entdeckungen der Neuzeit, durch die sie sich von Mittelalter und Antike abgrenzt. Eine genauere Beachtung der tatsächlichen historischen Differenzen zeigt aber, dass in der frühen Moderne nicht etwa Individualität überhaupt entdeckt worden ist, sondern lediglich ein neuer Begriff von Individualität gebildet wurde. Individualität gilt nun als ein Grundfaktum menschlicher Existenz, das vor allem aus Ich-Bewusstsein und Ich-Gefühl abgeleitet wird. Dem gegenüber verstand die klassische Antike bis zu Platon und Aristoteles (und auch in deren Wirkungsgeschichte) Individualität als eine Aufgabe des Menschen, deren Erfüllung im optimalen Vollzug der spezifisch menschlichen Möglichkeiten liegt. Durch den optimalen Vollzug seines "Werks" findet jeder einzelne seine höchste Befriedigung und entfaltet seine selbständige Individualität.

Individuality is said to be one of the most distinctive discoveries of modern times, which serves as a means of demarcation against the Middle Ages and antiquity. When taking a closer look at the actual historical differences, it becomes clear, however, that not individuality as such was discovered in early modern times, but that only a new concept of individuality was invented. Individuality in that new sense of the word is understood as a given fact of human existence, which is mainly derived from self-consciousness and self-awareness. In contrast to that the classical antiquity up to Plato and Aristotle - and also the Platonic and Aristotelian tradition in late antiquity and medieval scholasticism - considered individuality a task that has to be fulfilled by developing one's specifically human psychic abilities in the best possible way. It is through performing one's own "act" (ergon) that a person is able to reach his utmost happiness and develop his real individuality.