Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

BThZ Beiheft 2000

Weltethos und Weltreligionen


CHRISTOF GESTRICH
Zur Einführung

Die 8. Werner-Reihlen-Vorlesung hat zwei Schwerpunkte. Der eine gilt der Idee und dem Projekt der Gewinnung eines globalen Ethos durch Zusammenarbeit und Dialog der Religionen. Wir wollen uns nicht nur einen Eindruck verschaffen von dem z.Zt. viel diskutierten Versuch, ein Weltethos zu gewinnen, sondern wir wollen dieses Vorhaben auch von mehreren Seiten beleuchtet sehen, um es zu prüfen. Der andere Schwerpunkt unseres Symposiums gilt der Frage des Werte- und Ethikunterrichts, also der ethischen Unterweisung und Erziehung in unserer vielgestaltigen, multikulturellen Gesellschaft. Wie ist heute die Verbindung von Religion und Ethik zu beurteilen? Sind in Deutschland die christlichen Konfessionen bzw. die Kirchen noch immer die größten und wichtigsten, die erfahrensten und effizientesten Ethik-Anbieterinnen, weil ja schon seit langem mindestens die Hälfte ihres Religionsunterrichts den ethischen Themen und Problemen gewidmet ist? Welche Rolle kommt hier auch der Philosophie in ihrem Gegenüber zu den Weltreligionen zu? Indirekt steht bei diesen Fragen noch die weitere Frage im Raum: Wie wird die Befähigung zur Unterrichtserteilung in der Ethik überhaupt gewonnen, wie können geeignete Ethiklehrerinnen und -lehrer ausgebildet werden? Zu bedenken ist: In Deutschland haben wir es ja längst nicht mehr nur mit der westeuropäischen Philosophie und mit der christlichen Religion zu tun, sondern - um im Moment nur diesen zu nennen - auch etwa mit dem Islam. Auch dessen Religions- und Ethikunterricht harrt ja noch dringend benötigter Lösungen.

Dieses Symposium wird sich nun freilich bewußt darauf beschränken, durch Vorträge die angesprochenen Problemdimensionen von ihrem Fundament her begreifbar zu machen, wie es Aufgabe der Universität ist. Dazu werden die drei sogenannten Schriftreligionen, die gemeinsam Abraham kennen - Judentum, Christentum und Islam - direkt von entsprechenden Religionsangehörigen in Vorträgen repräsentiert. Über das Ethos der verschiedenen buddhistischen Richtungen wird aus wohl erwogenen Gründen durch einen hierfür geradezu prädestinierten Religionswissenschaftler, der in der hiesigen Theologischen Fakultät lehrt, Dr. Ulrich Dehn, vorgetragen werden.

Leider mußte der für die Diskussion der Probleme eines Weltethos aus europäisch-philosophischer Sicht heraus ebenfalls geradezu prädestinierte Kieler Philosoph Prof. Wolfgang Kersting im letzten Moment seine vorgesehene Teilnahme absagen. Nun ist mein Kollege Volker Gerhardt von der hiesigen Philosophischen Fakultät dankenswerter Weise für ein Votum über Probleme eines Weltethos aus philosophischer Sicht eingesprungen, und es wurde vereinbart, daß ich diesem Votum ein evangelisch-theologisches Votum zur Seite stelle, nicht nur weil dies in die Arithmetik des ganzen Symposiums paßt, sondern weil wir so die entstandene Lücke jetzt am besten füllen können.

Kräftig unterstützt wird der philosophische Aspekt unseres Symposiums dann auch noch durch die Tatsache, daß am Schluß der Vortragsreihe ein kulturwissenschaftlicher und historischer Vortrag von Jan Assmann zu hören sein wird, der hin und her zwischen Theologie und Philosophie einiges zu denken geben wird.


JAN ASSMANN
Die Theologisierung der Gerechtigkeit

Die Geschichte der Gerechtigkeitsideen zeigt, daß diese ursprünglich nicht in der Religion, sondern in vergleichsweise weltlichem Kontext entstanden und erst im Zuge eines langen Theologiesierungsprozesses in die Religion eingedrungen sind, was nicht nur zu einer Ethisierung der Religion, sondern auch zu einer Sakralisierung der Ethik geführt hat. Die Suche nach den Grundlagen eines Weltethos würde durch eine Entsakralisierung der Gerechtigkeit vermutlich erleichtert.

The history of the idea of justice shows religion not to be its original context. Originally, this idea had nothing to do with the will of God but with the basic needs of social harmony and human success. Only in the context of Biblical monotheism, these norms underwent a process of theologization which led both to an ethicalization of religion and a sacralization of ethics. The quest for global ethics would probaly profit from a desacralization of ethics which would make its norms negotiable.


ULRICH DEHN
Religion und Moral aus der Sicht des Buddhismus

Der Buddhismus ist als Religion im Sinne üblicher Religionsdefinitionen zu betrachten und bereits in seinen Grundlagen ist damit verknüpft die ethische Veranlagung vorhanden. Dies wird sowohl an einer Darstellung des Achtfachen Pfades als auch an einem Durchgang durch Stationen der Geschichte des Buddhismus und dem Engagement buddhistischer Strömungen aufgezeigt, wobei auch neubuddhistische Traditionen aus Japan und das Internationale Netzwerk der Engagierten Buddhisten herangezogen werden.

According to widely accepted definitions of religion Buddhism can be seen as a genuine religious tradition. It has been shown that, in close interconnection with its doctrine, Buddhism has an ethical dimension. This is part and parcel of the Eightfold Path (the Forth Noble Truth) and has been part of Buddhist thinking and practice throughout history as far as to neo-buddhist movements in present-day Japan and the International Network of Engaged Buddhists.


NADEEM ELYAS
Moral aus der Sicht der Weltreligion Islam

Der Vortrag entfaltet in verschiedenen heute aktuellen Problemfeldern die ethischen Grundanschauungen des Islam, wie sie sich von seinen Quellen her zeigen, und berichtet über die Arbeit des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Der Islam vertritt eine Ethik, die nicht im Widerspruch zur Vernunft steht, sondern in besonderem Maße vernünftig ist. Er verpflichtet zur Rechtsstaatlichkeit und Toleranz und kann so einen Beitrag zu einem Weltethos leisten.

In various topics this paper presents basic ethical beliefs of the Islam. It also deals with the work of the Central Council of Moslems in Germany. It is proposed that islamic ethic comes together with reasoning. Obligating to comon political values and tolerance the islamic tradition is able to play it´s role in the discussion on global ethic.


VOLKER GERHARDT
Weltethos

Angesichts der Entdeckung des Eigenwertes der Kulturen, steht das "Weltethos" in der Philosophie der Gegenwart nicht hoch im Kurs. Denn jede Kultur hat ihre eigene Moral. Dennoch ist auf Dauer eine systematische Fassung eines möglichen Weltethos unverzichtbar. Die entscheidende Frage ist allerdings, wie es zum Weltethos kommt. Dieses hat nur dann eine Chance, wenn es sich in den realen Verständigungsproblemen der Weltgesellschaft durch eine praktisch erbrachte Leistung behaupten kann. Diese Argumentationsweise liegt in dem hier zugrunde gelegten Verständnis der Ethik. Die philosophische Ethik ist zwar eine theoretische Disziplin, aber sie steht unter praktischen Prämissen. Sie ist und bleibt immer eine Anleitung zum moralischen Handeln, das allerdings in der ausdrücklichen Wahrung der Individualität besteht. Es läßt sich aber auch eine normative Gemeinsamkeit der menschlichen Gattung in einer Ethik nicht verleugnen, so daß diese praktisch benötigte Ethik durchaus ein Weltethos sein kann.

In recent philosophical debates strong emphasis has been places on the intrinsic value of individual cultures. Hence, Global Ethics has not been highly appreciated. Each culture has been seen as having ethics of its own. Ultimately, a systematic exposition of Global Ethics is needed, the crucial question being: how do those ethics come about? It is argued here that Global Ethics has a chance only if it can prove its worth by practical contributions towards real conflicts of the global society. This claim is based on a particular concept of ethics. Philosophical ethics, while being a theoretical discipline, is governed by practical premises and provides guidance for moral conduct. This specifically preserves individuality, but it also calls for normative agreement of the entire human race. The latter may well be provided by Global Ethics.


CHRISTOF GESTRICH
Gesichtspunkte evangelischer Theologie zum "Projekt Weltethos"

Das "Projekt Weltethos" ist in seinem Bestreben zu unterstützen, die sog. "vier unverrückbaren Weisungen" aus den verschiedenen Religionen und Kulturen herauszuarbeiten. Allerdings stellt sich die Frage, inwieweit die Auswahl der Weisungen nicht einer gewissen Willkür ausgesetzt sind, da es in Wahrheit weltweit und durch die Zeiten hindurch weder eine einheitliche natürliche Theologie noch eine Naturrechtstradition gibt. Welches Interesse verfolgt das "Projekt Weltethos"? Ist es ausschließlich an übereinstimmenden Verhaltensregeln interessiert oder möchte es darüber hinaus die Glaubensweisen stärken?

The Global Ethics project is to be supported in its working out of the so-called 'irrevocable directives' of various religions and cultures. One may ask, however, whether the choice of those rules is not, to some extent, arbitrary. There is no eternal and universal natural theology, nor is there a single tradition of natural law. Furthermore, one may enquire in the overall interest of the Global Ethics project: is it only common rules of behaviour, or is it the strengthening and developing of faith?


KARL-JOSEF KUSCHEL
Die Aktualität der Projektes Weltethos und die Notwendigkeit einer abrahamischen Ökumene von Juden, Christen und Muslimen

Die gegenwärtige Weltsituation ist bestimmt durch Faktoren wie ökonomische Globalisierung, nationale, ethnische und religiöse Spannungen einerseits und Tendenzen zur Standardisierung und Homogenisierung andererseits. Der Einfluss der großen Kulturen und Religionen auf die Weltpolitik wird heute auch in politischen und strategischen Diskussionen (S. Huntington) nicht mehr geleugnet. Den Weltreligionen - insbesondere den abrahamischen Religionen Judentum, Christentum und Islam - wächst in diesem Kontext eine besondere Verantwortung für den Weltfrieden und die Schaffung von mehr Weltgerechtigkeit zu. Ein entscheidender Beitrag dazu ist das Projekt Weltethos, das bewusst machen will, das Menschen verschiedener Religionen unbeschadet ihrer bleibenden Differenzen in Kernaussagen des Ethos übereinstimmen. Dies zu konkretisieren, ist Ziel dieser Vorlesung.

The present world situation is characterised by economic globalisation, ethnic and religious tensions and a tendency towards standardisation and homogenisation. Even in political and strategic debates the influence of culture and religion on world politics is now appreciated (S. Huntington). In this situation the world religions, in particular the Abrahamic religions, Judaism, Christianity and Islam, bear a special responsibility for global peace and justice. The Global Ethics project strives to contribute towards this. While not ignoring differences it raises an awareness for the agreement between believers of various religions on core ethical questions. This paper aims at illustrating how this may work in practice.


SUSAN NEIMAN
Religion und Moral aus der Sicht des Judentums

Der Vortrag erinnert zunächst einmal daran, daß Teile der jüdischen Tradition, die sich auf Isaak berufen, den religiösen Impuls dem ethischen entgegensetzen. Danach werden ethische und rationalistische Momente des Judentums erläutert. Schließlich wird der Begriff der Dankbarkeit als ethischer Begriff vorgeschlagen, der zum einen nicht aus der reinen Ethik herleitbar ist, und zum anderen religiöse Züge hat.

The text reminds the reader, first, that there is a strong tradition within Judaism, basing itself on the binding of Isaac, which views the religious impulse as distinct from the ethical. Some ethical and rationalist moments unique to the Jewish tradition are then discussed, before attending to the concept of gratitude as an ethical concept which cannot be dericed from pure ethics but has a religious character.


TRUTZ RENDTORFF
Vom Beruf der Ethik im Christentum

Frömmigkeit und Ethik bilden im Christentum eine komplexe Einheit. Als Korrektiv der Glaubenslehre reguliert die Ethik enthusiastische Formen des Glaubens im Namen evangelischer Freiheit. Einflüsse dieses Grundmotivs christlicher Ethik auf die Kultur sind erkennbar, wo der Gedanke der Anerkennung von Freiheit die Würde des Individuums begründet. Deshalb schließt der Dialog der Religionen notwendig den der Kulturen ein.

In Christianity ethics and religion form a complex unity. Ethics can be seen as reigning in the more enthusiastic forms of faith in the name of evangelical freedom. This fundamental function of Christian ethics is identifiable as influencing culture wherever individual dignity is founded on the notion of the recognition of individual freedom. Hence, dialogue of religion will include the dialogue of cultures.