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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

33. Jahrgang, Heft 1/2016

Opfer

 

CHRISTIAN A. EBERHARD

Der Opferbegriff im antiken Christentum. Zur Entwicklung und christologischen Applikation einer zentralen Kultkategorie

Der Opferbegriff im antiken Christentum leitet sich hauptsächlich vom frühjüdischen
Tempelkult ab. Von dorther wird die Vorstellung rezipiert, dass der Tempel
„Sühneort “ ist und Opferblut sühnt, was als Reinigung von Sünde zu verstehen
ist. Beim Begriff des „Opfers“ evoziert die kultische Verbrennung Aspekte des
Wohlgefallens und der erhofften Nähe zu Gott. Diese Vorstellungen wurden herangezogen, um schwer verständliche Referenten, nämlich Jesu Mission und seinen
Kreuzestod, als Heilsereignis verständlich zu machen.


Early Christianity’s sacrificial concepts draw on the cult of Second Temple Judaism.
They reference the temple as „place of atonement “ and sacrificial blood as its
means, which happens through the purging of sin. The term „sacrifice“ evokes
through the burning rite on the main altar, aspects of being pleasing and the desire
for proximity to God. These ideas were applied to elucidate a referent that was
hard to comprehend, namely how the mission of Jesus and his death on the cross
might convey salvation.

 

CHRISTOPH AUFFARTH
Religion nach dem Opfer. Stolperstein der europäischen Religionsgeschichte

Zusammenfassung
Der Aufsatz widmet sich drei Fragen: Das Opferritual ist bislang noch zu wenig in
seiner Verschiedenheit untersucht worden, sowohl in den verschiedenen epochalen
Entwicklungen als auch in den unterschiedlichen Kulturen. Das Ende des Opfers
als Ritual ist Teil – und nicht Ende – der antiken Religionsgeschichte, auch
der „paganen“; das Ende wurde nicht von außen durch Gewalt herbeigeführt.
Doch damit endet nicht die Geschichte des Opfers. Es beginnt eine ambige und
gefährliche Geschichte. Dies ist erläutert am Beispiel der „Opfer“-Metapher in der
(nationalprotestantischen) Kriegstheologie als Teil der europäischen Religionsgeschichte.


The paper is devoted to three issues: Sacrificial ritual has to be studied in its historical dimensions and developments in differentiation. The end of sacrifice as a
ritual is part of its (ancient, including “pagan” ) history; it was not just forced from
outside. Sacrifice after the end of sacrificial ritual developed an ambiguous and
dangerous history. This is explained by a short exposure of the ideology of national
(protestant) religion of war as part of the history of European religion.
 

BERNHARD SCHLINK
Das Opfer des Lebens

Die Rolle des Opfers, das man bringt, sacrifice, wurde durch den Helden- und Opfermythos des Nationalsozialismus ebenso nachhaltig diskreditiert wie die Rolle
des Opfers, das man ist, victim, in der Erinnerung an den Holocaust gewürdigt.
Lange schien die Bundesrepublik Deutschland ohne positiven Begriff des Opfers,
das man bringt, auszukommen. Aber die Auslandseinsätze der Bundeswehr und
die Abwehr des Terrorismus verlangen, dass einzelne wieder das Opfer des Lebens
bringen, und lassen fragen, worin dafür heute die Rechtfertigung gefunden wer
den kann. Kant sieht den Menschen, der das Opfer des Lebens bringen muss, in
seiner Würde geachtet, wenn er es unter einem Gesetz bringen muss, dem er zustimmen konnte. Darin ist die Rechtfertigung des Opfers angelegt, das von einer
Solidargemeinschaft gefordert und für sie erbracht wird, deren Beteiligte gemeinsam
gefährdet und aufeinander angewiesen sind und die einander Gleichheit zuerkennen.


The role of the sacrifices (Opfer) that people make has been enduringly discredited
by National Socialism’s myth of heroism and sacrifice, just as lasting respect is paid
to the role of the victim (in German also: Opfer) in remembrance of the Holocaust.
The Federal Republic has long seemed to manage without a positive concept pertaining to such sacrifices. However, the German Armed Forces’ expeditionary missions, as well as anti-terrorism measures, now once again require individuals to
sacrifice their lives, raising the question of the justification that can be provided
for this today. For Kant, the dignity and worth of an individual who must sacrifice
his or her life is respected if such a sacrifice is made under the aegis of a law that the
individual in question could endorse. This provides the basis to justify sacrifices
demanded by and made for a community grounded in solidarity, whose members
face a shared threat, rely upon one another and acknowledge each other as equals.

 

MARIUS TIMMANN MJAALAND
Sacrifice and Suicide in the Post-Secular
Society

The author analyzes the problem of sacrifice in religious conflicts worldwide in
a “post-secular” world where the limits between religion and secularism are undermined. In a discussion with Talal Asad he argues that the question of suicide
bombing will hardly be understood or explained properly without a critical analysis
of political Islam. He concludes that the very notion of “religion” and the
various religions are transformed through political and socio-cultural re-formatting,
challenging even “secular” states to identify and reconstruct their sacred values.


Der Autor analysiert das Problem des Opfers in Religionskonflikten in einer „post-säkularen“ Welt, in der die Grenzen zwischen Religion und Säkularismus infrage
gestellt werden. In einer Diskussion mit Talal Asad kommt er zu dem Schluss,
dass das Phänomen der Selbstmordattentate ohne eine kritische Analyse des politischen Islams kaum verstanden oder erklärt werden kann. Er stellt fest, dass
der Begriff der „Religion“ und die verschiedenen Religionen gegenwärtig durch
einen politischen und sozio-kulturellen Veränderungsprozess gehen und die „säkularen“ Staaten damit zur Identifikation und Wiederherstellung ihrer „heiligen“
Werte nötigen.

 

ROLF SCHIEDER
Die Inszenierung einer Tragödie. Praktisch-theologische Überlegungen zu einer Trauerfeier im Kölner Dom am 17. April 2015

Die Trauerfeier für die Opfer einer Tragödie, bei der ein psychisch kranker Copilot
akribisch geplant 149 Menschen – Passagiere, seinen Kollegen und die Flugbegleiter
– durch einen absichtlich herbeigeführten Absturz des Flugzeuges in den französischen Alpen mit in den Tod riss, wird darauf hin untersucht, welche
Funktion dieses zivilreligiöse Ritual hatte, wie es im Einzelnen durchgeführt wurde
und welche praktisch-theologischen Lehren daraus zu ziehen sind. Dabei wird
die enge Kooperation zwischen Staat, Kirchen und Religionsgemeinschaften bei
ihrem gemeinsamen Versuch, die imaginäre Ordnung des Gemeinwesens wieder
herzustellen, besonders gewürdigt. Offen bleibt die Frage, wie öffentlich und rituell
mit der Frage der Schuld umgegangen werden soll.


In German, “victims” and “sacrifices” are both called Opfer. A clear distinction cannot
be made linguistically, only contextually. Blurring the line between “victim”
and “sacrifice” is a phenomenon which caught the attention of social and cultural
scientists recently. While societies in the 19th century tended to remember the heroic
sacrifices of its members, the 21st century tends to remember the victims not
only of natural disasters but also of genocide and terrorist attacks – and even of the
actions of an obviously mentally ill pilot. An example for the new public sensitivity for victims is the ökumenische Gottesdienst and Staatsakt in April 2015 – not in a
public building but in the Catholic dome of Cologne. Why and how do state and
churches cooperate in order to remember the victims and in order to make some
sense out of what had happened? This essay attempts to understand it as a civil
religious ritual.

 

HANS-MARTIN GUTMANN
Opfer, Scham und Schuld. Ein praktisch-theologischer Essay über den verändernden Blick Gottes

Die Verschiebung des inhaltlichen Fokus vom Thema „Schuld“ hin zum Thema
„Scham“ eröffnet eine neue Perspektive auf die Wahrnehmung der Beziehung zwischen
Gott und Mensch im Verständnis des Opfers.
The shift of the focus from the topic “fault ” to “shame” opens up a new perspective
on the perception of the relationship between God and man in the understanding
of sacrifice.

 

Dokumentation

 

VOLKER GERHARDT
Das Göttliche als Sinn des Sinns

Der Begriff des Sinns ist eine zentrale Kategorie in der Theologie Wilhelm Gräbs,
die sich durch ihre Aufmerksamkeit für die kulturellen Rahmenbedingungen
des menschlichen Daseins auszeichnet. Im vorliegenden Text wird dieser Zugang
Gräbs in einer philosophischen Reflexion auf die Konditionen des menschlichen
Erlebens aufgenommen und weitergeführt. Es wird gezeigt, wie umfassend die
Leistung des Sinns im Kontinuum menschlicher Selbst- und Welterfahrung ist;
ferner wird kenntlich gemacht, dass es in allen sinnlichen und geistigen Leistungen,
um Ganzheiten des Leibes, der Person, des sozialen Umfelds und der Umwelt
geht. Also kann man den Sinn als die verständige Offenheit des Menschen für
das Ganze seines Daseins bezeichnen. Von da aus sind es nur noch kleine systematische Schritte, um den Sinn als das Sensorium für das alles umfassende, alles tragende und alles bedeutende Ganze des Weltzusammenhangs auszuzeichnen.
Die Doppeldeutigkeit des Sinnbegriffs vorausgesetzt, kann somit das Göttliche als
der Sinn des Sinns angesehen werden. Und angesichts der Tatsache, dass sich ein
Mensch in der Vielfalt seiner Selbst- und Weltverhältnisse als Person bezeichnen
kann, kann auch das göttliche Ganze als personal verfasst begriffen werden.

Sense is a central category of Wilhelm Gräb’s theology, which puts its attention
on the cultural conditions of the human existence. This article takes up Gräb’s
acquisition in a philosophical reflexion of the conditions of human experiences
and carries it forward. It is shown how broad the achievement of sense is in the
continuum of human self and world experience. It is made clear, that all sensuous
and mental achievements are about the wholeness of the body, the person, the social
surrounding and the environment. The sense can be described as the sensible
openness of the human for the wholeness of their existence. From there it is only
small systematic steps to label the sense as the feel for the all-embracing, all supporting and all important whole of the world context. If the double meaning of the
word sense is presupposed, the godly can be seen as the sense of the sense. In light
of the fact, that the human in the diversity of their self and world relation can be
called a person, so can the godly whole be grasped as one.

 

Biographie im Kontext

 

DIETZ LANGE
Transcending Social, National, and Religious Divisions. Basic Issues in the Work of Nathan Söderblom

The Swedish cosmopolitan, historian of religion, and churchman Nathan Söderblom
is known for his peace efforts around World War I and for convening the ecumenical
conference in Stockholm in 1925, which he meant to serve as a vanguard
for the reconciliation of the nations. According to him, religions and Christian
denominations represent specific relationships to Holiness but are not in themselves
holy. They should therefore relate to each other in both peaceful contest and
cooperation on social issues. The author deems this to be a long-term goal even in
an age of fundamentalism.

Der schwedische Kosmopolit, Religionshistoriker und Kirchenmann Nathan Söderblom
ist bekannt durch seine Friedensbemühungen rund um den 1. Weltkrieg
und als Organisator der ökumenischen Konferenz in Stockholm 1925, die er als
Vorhut für die Versöhnung der Völker gedacht hat. Für ihn repräsentieren Religionen
und christliche Denominationen bestimmte Beziehungen zum Heiligen,
sind aber nicht selber heilig. Sie sollten sich daher in friedlichem Wettbewerb und
Zusammenarbeit im sozialen Bereich zueinander verhalten. Der Verfasser hält
dies für ein langfristiges Ziel selbst in einem Zeitalter des Fundamentalismus.