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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

32. Jahrgang, Heft 2/2015

Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie. Themen – Debatten – Perspektiven


HENNING WROGEMANN
Interkulturelle Theologie. Zu Definition und Gegenstandsbereich des sechsten Faches der Theologischen Fakultät

Die neue Fachbezeichnung „Interkulturelle Theologie“ ist im Blick auf ihre Beziehung zum älteren Begriff „Missionswissenschaft “ und in Bezug zur Religionswissenschaft erklärungsbedürftig. Der Beitrag zeigt verschiedene Verhältnisbestimmungen auf und bietet eine eigene Definition des Begriffs, die im Einzelnen erläutert wird. Dabei wird die Aktualität der Methodik und der Inhalte Interkultureller Theologie herausgestellt und ihre Zuordnung zur Religionswissenschaft erläutert. Pluralisierung und Globalisierung erfordern das Fach „Interkulturelle Theologie/Religionswissenschaft“ als sechstes Fach der Theologischen Fakultät.

In view of its relationship to the older concept of „missiology“ and to the field of religious studies, some justification for renaming the discipline „intercultural theology“ is needed. The article points to different forms of disciplinary connection, and offers its own detailed definition of the concept. It presents the actuality of its method and the content of intercultural theology, and clarifies its relationship to religious studies. The contemporary realities of pluralism and globalization demand that „intercultural theology/religious studies“ serve as the sixth discipline within the faculty of theology.


RUDOLF VON SINNER
Interkulturelle Theologie. Hermeneutische und theologische Überlegungen

Interkulturelle Theologie ist heute aus pragmatischen, ethischen, epistemologischen und theologischen Gründen unerlässlich geworden. Im Anschluss an Raimon Panikkar wird in diesem Beitrag interkulturelle Hermeneutik als diatopische Hermeneutik entfaltet. Diese ermöglicht, Wahrnehmungssensibilität, hermeneutische Fairness und die Suche nach dem Gemeinsamen zu verbinden. Theologisch wird darum in der aufeinander bezogenen Begrifflichkeit von Kontextualität und (ökumenischer) Katholizität gearbeitet.

Intercultural Theology has become indispensable today for pragmatic, ethical, epistemological and theological reasons. In dialogue with Raimon Panikkar, intercultural hermeneutics is being developed as diatopical hermeneutics. Thus, sensitivity of perception, hermeneutical fairness and the search for the common can be joined together. Theologically, the article works with the interrelated terminology of contextuality and (ecumenical) catholicity.


UDO TWORUSCHKA
„Verpflichtendes Verstricktsein in die Welt“. Praktische Religionswissenschaft

Die Ziele der Praktischen Religionswissenschaft – neuer, dritter Zweig des Faches neben Religionsgeschichte und Systematischer Religionswissenschaft – werden dargelegt. Ihre „Väter“ und gegenwärtigen Vertreter werden vorgestellt. Praktische Religionswissenschaft wird entfaltet als orientierende, defizitäre Wirklichkeiten verändernde Wahrnehmungswissenschaft, der keine agnostische/atheistische Erkenntnistheorie zugrunde liegt, sondern eine „Hermeneutik des Vertrauens“.

The aim of Practical Study of Religion – new third branch of Religionswissenschaft alongside History of Religion and Systematic Study of Religion – are set forth. The founding fathers and present representatives of Practical Study of Religion are introduced. The new branch of Religionswissenschaft is outlined as a „perceptual science“, that helps to provide orientation in a deficient reality. Taken as basis is no agnostic/atheistic epistemology but a hermeneutic of confidence and trust.


DANIEL CYRANKA
Wofür steht das Jahr 1848? Religionsgeschichtliche Erkundungen im Kontext von Religion, Wissenschaft und Politik

Der Beitrag beschreibt die Verwobenheiten von Revolution, Religion und Wissenschaft um 1848. Am Beispiel des „Sehers von Poughkepsie“ Andrew Jackson Davis (1826–1910), des Revolutionärs und Mediziners Georg von Langsdorff (1822–1921) und des Deutschkatholiken und Präsidenten der Akademie Leopoldina Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck (1776–1858) werden die üblichen Trennlinien zwischen diesen Feldern einer historischen Überprüfung unterzogen.

The paper describes the entanglement of revolution, religion and science around 1848. Using the examples of the „Seer of Poughkepsie “ Andrew Jackson Davis (1826–1910), the revolutionary and medic Georg von Langsdorff (1822–1921), and the German Catholic (Deutschkatholik) and President of the Academy Leopoldina Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck (1776–1858) the accustomed dividing lines between these fields undergo a historical review.


CLAUDIA JAHNEL
„Entwicklung“: ein säkulares Heilsversprechen? Religion und Entwicklung post-säkular denken und interpretieren

Nach dem Einfluss von Religion auf Entwicklungsprozesse zu fragen, ist – wie die „Wiederkehr der Religion“ und die Säkularisierungskritik – en vogue. Doch das debattenleitende eurozentrische Verständnis von Religion und Säkularität hinterfragt die säkularen Entwicklungsziele kaum. Der Artikel regt dazu an, Abschied von religiösen oder säkularen Heilsversprechen zu nehmen und einen offenen Dia­log über Entwicklung und Religion zu führen.

Similar to the proclamation of the return of religion and the end of secularism it has become fashionable to raise the question about the role of religion in development. But the Eurocentric concepts of religion and secularity leading the discussion do not help to question the secular goals of development. The article suggests to bid farewell to the religious and secular promises of development and to start an open dialogue about development and religion.


CHRISTIAN MEYER
Das Beispiel der „Sino-Christian Theology“ und die Aufgabe einer interkulturellen Religionswissenschaft

Dieser Artikel plädiert aus dem langjährigen Kontakt mit chinesischen Christentumsforschern für eine integrale und gleichwertige Rolle einer „interkulturellen Religionswissenschaft“ in einem Fach Interkulturelle Theologie und Religionswissenschaft. Dafür wird in einem ersten Schritt als verfremdende Perspektive die besondere Situation der Christentumsstudien (oder Sino-Christian Theology) an religionswissenschaftlichen Departments staatlicher Universitäten der VR China vorgestellt. In einem zweiten Schritt wird die Rolle westlicher Religions- und Christentumsforscher als interkultureller Vermittler reflektiert.

Building on long-term personal contacts with Chinese scholars studying Christianity this article pleads for an integral and equal role of „intercultural religious studies“ in a combined discipline „Intercultural Theology and Religious Studies“. For this, the article presents as a first step the situation of Christian Studies (or Sino-Christian Theology) at Religion departments of Mainland Chinese state universities as – for us – unusual perspective. In a second step it reflects the role of Western researchers of religion and Christianity as intercultural brokers.


ULRIKE SCHRÖDER
„Conceived in India, Made in South Africa“. Konstruktionen südafrikanisch-indischer Identität zwischen doppeltem Ursprung und doppelter Ausgrenzung

Südafrika durchläuft gegenwärtig einen massiven gesellschaftlichen Umgestaltungsprozess, in dessen Zuge sich die indisch-stämmige Minderheit im Land als zugleich „indisch“ und „afrikanisch“ positioniert. Der Artikel geht anhand einer Fallstudie zu shivaitischen Gruppierungen der Frage nach, wie eine religionswissenschaftliche Analyse indisch-hinduistischer Identitätskonstruktionen in Südafrika aussehen kann, die den komplexen diskursiven Dynamiken „diasporischer“ Identitäten im Spannungsfeld zwischen Indien und Südafrika, zwischen doppeltem Ursprung und doppeltem Ausschluss gerecht wird.

South African society currently faces a massive transition process in which South Africans of Indian origin position themselves being as „Indian“ and „African“ at the same time. The paper discusses the question how, from a Religious Studies’ perspective, an analysis of Indian-South African constructions of identity is possible that takes into account the complex discursive dynamics of „diasporic“ identities oscillating between India and South Africa, between a double origin and a double expulsion.


Forum


ROBERT A. ORSI
Gott hatte nichts damit zu tun. Das Ringen der Überlebenden sexuellen Missbrauchs von Priestern und die religiösen Folgen

Dieser Beitrag untersucht die Entfremdung, die Überlebende sexuellen Missbrauchs durch Kleriker im US-amerikanischen Katholizismus gegenüber dem Sakrament der Eucharistie erfahren haben. An einem exemplarischen Einzelfall und in qualititativ-empirischer Untersuchung wird eine „Versöhnungserfahrung“ ge­schildert, die zeigt, wie einige Überlebende einen Weg zurück zur Messe gefunden haben. Der Schmerz der Überlebenden geht tiefer, als es mit psychologischen oder soziologischen Instrumenten erfassbar ist. Dieser tiefere Schmerz entstammt der Tatsache, dass die erlittene sexuelle Gewalt an der Schnittstelle von Heilig und Profan und durch die Tätigkeit derjenigen Figur auftrat, die in hervorgehobener Weise an dieser Stelle steht: des katholischen Priesters. Das Ziel des Beitrags besteht darin, sowohl die spezifisch religiösen Konsequenzen von sexuellem Kindesmissbrauch durch katholische Priester aufzuzeigen als auch die Art und Weise, wie die Überlebenden mit diesen Konsequenzen fertig werden.

This paper explores the alienation of some survivors of clerical sexual abuse in U.S. Catholicism from the sacrament of the Eucharist and then examines how some survivors made their way back to Mass, using one survivor’s experience of reconciliation in a qualified sense as a case study. There is more to the survivors’ pain than can be accounted for by psychological or sociological factors. This „more“ arises from the fact that the sexual violence they suffered occurred where the sacred and mundane intersect and at the hands of the figure that stands most prominently at that intersection: the Catholic priest. The aim of the paper is to open up the specifically religious consequences of the sexual abuse of children by Catholic priests and the ways that survivors contend with these consequences.


KLAUS MERTES
Zum Vortrag von Robert A. Orsi: „Gott hatte nichts damit zu tun“

Orsi nimmt das katholische Verständnis des Priesterseins ernst, um aus dieser Perspektive auf die Missbrauchserfahrungen von Opfern mit katholischen Priestern zu blicken. Im deutschsprachigen Raum wurde zwar oft von kirchlicher Seite die „besondere Fallhöhe“ des sexuellen Missbrauchs durch Priester benannt, aber die entsprechenden Folgerungen und Konsequenzen für die seelsorgerische Begleitung der Opfer insbesondere bezüglich der Frage nach Gott sind noch nicht wirklich reflektiert worden. Hier leistet der Vortrag von Orsi Pionierarbeit, gerade auch deswegen, weil er sich an den religiösen Problemen und Erfahrungen der Opfer orientiert.

Taking the Catholic concept of priesthood seriously, Orsi considers the experiences of victims who have been abused by Catholic priests from this angle. In German speaking countries it has often been noticed how particularly serious sexual abuse is when committed by priests, but the implications and consequences this has for pastoral care for victims and their quest for God have not really been reflected yet. In this respect Orsi’s lecture is a piece of pioneer work especially because it follows the religious problems and experiences of the victims