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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

32. Jahrgang, Heft 1/2015

Von der Last und Lust der Askese


OLIVER FREIBERGER
Askese als Begriff. Substanzielle, funktionale und diskursive Perspektiven

Dieser Beitrag untersucht die wissenschaftliche Verwendung des Begriffs Askese. Verschiedene Definitionstypen (substanziell, funktional, diskursiv) ergeben verschiedene, sich nur teilweise überschneidende Gegenstandsbereiche. Der Aufsatz erörtert das jeweilige Spektrum der drei Perspektiven anhand von Beispielen und tritt für einen offene und komplementäre Verwendung des Askesebegriffs in der religionswissenschaftlichen Forschung ein.

This article discusses the scholarly use of the term asceticism. Different types of definition (substantive, functional, discursive) yield different areas of study that overlap only to a certain degree. Providing some examples, the article lays out the spectrum of the subject matters addressed by each type of definition. It concludes by suggesting an open and complementary use of the term asceticism in the academic study of religion.


HANS-CHRISTOPH ASKANI
Dominum deum diligere tota vita. Die Askese – ein Versuch, sie zu verstehen

Unter all den merkwürdigen Versuchen, die die Menschheit erfunden hat, um mit dem Unbewältigbaren, Unfassbaren des Lebens umzugehen, ist der der Askese – ein Leben im Verzicht – wohl der überraschendste. Mit Hilfe welcher Kategorien soll man sich eigentlich an sie herandenken? Psychologischen, ethischen, soziologischen, philosophischen? Vermutlich sind die der Theologie, mit der ihr ,eigenen‘ (oder auch nicht eigenen) sprachlichen Beweglichkeit, noch die geeignetsten.

The article is an attempt to find categories able to reflect on the strange phenomenon of ascetic life. Where should we take the concepts from in order to understand a form of life which is – against all natural tendency – renunciation?


PETER GEMEINHARDT
„Wie der Fisch ins Meer, so muss der Mönch ins Kellion eilen.“ Die Anfänge der Wüstenaskese im spätantiken Ägypten

Der Beitrag skizziert zunächst die Ursprünge des christlichen Verständnisses von Askese und stellt dann dessen Ausformungen in der monastischen Literatur des 4. und 5. Jahrhunderts in den Mittelpunkt. Untersucht werden einerseits Texte aus den Apophthegmata Patrum, andererseits die Vita Antonii des Athanasios. Herausgearbeitet wird, wie Askese zu einer spezifischen Erfahrung mit Gott führte, die offensichtlich (in literarischer Form) auch für Nicht-Eremiten attraktiv war.

The paper starts with a sketch of the origins of the Christian understanding of asceticism and then focuses on ascetic practice and theory in the monastic literature of the 4th and 5th centuries. Building upon exemplary texts, it investigates the Apophthegmata Patrum as well as Athanasius’ Life of Antony. Thus it highlights asceticism as a specific form of human experience with God which became (by virtue of literary accounts) attractive also for non-hermits.


CHRISTIANE ZIMMERMANN
Überall Asketinnen und Asketen? Eine Spurensuche in Lykaonien

Im kleinasiatischen Lykaonien lebten im 3. bis 5. Jahrhundert n.Chr. zahllose Asketinnen und Asketen, die versuchten, das zukünftige Gottesreich im Hier und Jetzt durch ein enthaltsames Leben vorwegzunehmen, und die sich dafür zum Teil in verschiedenen Gruppen organisierten. In Lykaonien gefundene Inschriften dokumentieren ihre Existenz und Vielfalt auf einzigartige Weise. Doch war die Zeit dieser Asketinnen und Asketen begrenzt: Vertreter der lokalen „orthodoxen“ Kirche nahmen den Kampf gegen die von ihnen als „Häresien“ betrachteten, zu radikalen Asketinnen und Asketen auf ...

During the 3rd to 5th centuries A.D. numerous ascetics lived in Lycaonia in central Asia Minor. By living an abstinent life they tried to anticipate the future kingdom of God. Some of them organised themselves in different groups. Inscriptions found in Lycaonia document their existence and diversity in a unique way. But time was limited for these ascetics since representatives of the local „orthodox“ church entered the fray against these radical figures, whom they considered „heretics“ ...


ANDREAS MÜLLER
„Gott will, dass wir reisen.“ Motive zur Entwicklung einer christlichen Topographie im 4. Jahrhundert

Persönliche Motive von Reisenden aus der Zeit des aufblühenden Pilgertums im 4. Jahrhundert lassen sich aus den wenigen Quellen kaum noch erheben. Dagegen lässt sich die zunehmende Konstruktion christlicher Erinnerungsorte deutlich beobachten. Während Euseb mit seinem Onomastikon in erster Linie ein „geographisches Bibellexikon“ erstellte, war bereits Konstantin am Ausbau christlicher Stätten auch zur Stärkung seiner eigenen Macht und seines eigenen Prestiges interessiert. Kyrill von Jerusalem diente der Hinweis auf die Heiligen Stätten der Stärkung des (kirchenpolitischen) Lokalpatriotismus, aber auch der apologetischen Absicherung der Wahrheit biblischer Geschichten. Erst mit der seit Kaiser Julian zu beobachtenden starken Konkurrenz paganer und christlicher kollektiver Erinnerungskulturen, die sich u.a. im spätantiken Rom unter Bischof Damasus beobachten lässt, führt eine ausgeprägt christliche mentale Kartographie zu einer erhöhten Attraktivität des Pilgerns.

It is nearly impossible to evaluate personal reasons for the increased pilgrimage in the 4th century because of the lack of historical sources. In contrast the evidence for the increasing construction of Christian places of remembrance in this period is obvious. Eusebius still compiled primarily a kind of lexicon of biblical places. The Emperor Constantine was interested in developing the Christian sites to consolidate his own power and prestige. The bishop Cyril of Jerusalem combined the reinforcement of the Holy Places with his local patriotism and his ecclesiastical politics, but also with apologetic tendencies to demonstrate the truth of the biblical stories. At the time of Emperor Julian strong competition arose between pagan and Christian cultures of remembrance. One example for the Christian position is to be seen in bishop Damasus of Rome. His Christian mental map of the city of Rome promoted the pilgrimage on site.


PATRICK HEISER/CHRISTIAN KURRAT
Pilgern zwischen individueller Praxis und kirchlicher Tradition

Pilgern ist Mode geworden – die Pilgerforschung jedoch steht ganz am Anfang. Bislang lagen beispielsweise keine Studien darüber vor, warum Menschen auf dem Jakobsweg pilgern. Dieser Frage widmet sich der vorliegende Beitrag: Anhand empirischen Materials wird gezeigt, dass man in typischen Krisen- und Umbruchphasen des Lebenslaufs dafür optiert, biografische Ausnahmesituationen im Rahmen der Außeralltäglichkeit einer Pilgerschaft zu verarbeiten. Dabei spielen Askese, Communitas und Transzendenzbezug wesentliche Rollen. Pilgern ist daher als religiöses Handlungsformat zu charakterisieren, das von spezifischen Wechselwirkungen zwischen individueller Praxis und kirchlicher Tradition lebt.

Pilgrimage has become fashionable – but yet research of this phenomenon is in a fledgling stage. Until recently, for example, no one had ever scientifically discussed the question why people go in for a pilgrimage on the Camino de Santiago. This paper poses that very question: a series of empirical research results shows that people generally do so at times of crisis or changes in their lives as a means to come to terms with their current situation in a non-quotidian environment. Surveys show that the paramount factors on this journey are asceticism, communitas, and transcendency, thus indicating the pilgrimage to have a religious import that can be described as a blend of individual experience and ecclesiastical tradition.


CORINNA DAHLGRÜN
Die Übung des guten Lebens. Praktisch-theologische Aspekte der Askese in lutherischer Sicht

Der Aufsatz stellt konfessionelle Unterschiede im Verständnis der Askese dar. Aus lutherischer Perspektive wird betont, dass Askese als Präparation wie als Verzicht, vor allem aber als Übung dem Leben und der Lebensfreude dienen kann und soll. Insofern ist sie ein wichtiges Moment der praxis pietatis eines jeden Glaubenden.

This essay describes how various denominations differ in their approach to asceticism. The Lutheran point of view emphasises that asceticism should serve life and lust for life – as preparation, as abstinence, and most of all as spiritual exercise. Therefore asceticism is an essential element in the practice of piety for every believer.


Dokumentation


HANNS CHRISTOF BRENNECKE
Odyssee eines Bildes oder die etwas anderen Erinnerungen eines Berliner Theologiestudenten an das Jahr 1968

Bis 1968 hing im Dekanat der Theologischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität auch ein Bild von Hans Lietzmann, das aus politischen Gründen entfernt wurde. Ich habe es damals als Student aus dem Müll mitgenommen und nun der Berliner Fakultät zurückgegeben. Anlässlich der Rückgabe wurden die Bedingungen eines Theologiestudiums an der Humboldt-Universität in den 60er Jahren beschrieben und gezeigt, dass die ostdeutsche Erinnerung an das Jahr 1968 sich von der heute vorherrschenden westdeutschen erheblich unterscheidet.

An image of Hans Lietzmann hung in the Dean’s Office of the Faculty of Theology at Humboldt University of Berlin, until it was removed for political reasons in 1968. When I was a student, I took the image out of the rubbish and I have just returned it to the Theology department. In celebration of this event, the conditions for studying theology during the 1960s were described. This description showed that recollections of the year 1968 vary widely between East and West Germany.