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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

29. Jahrgang, Heft 2/2012

Bestattungskultur in der Gegenwart


NORBERT FISCHER
Miniaturlandschaften der Erinnerung. Über neue Sepulkralästhetik und den Friedhof des 21. Jahrhunderts

Der grundlegende Wandel in der Friedhofs- und Bestattungskultur des frühen 21. Jahrhunderts lässt sich als eine gesellschaftlich, kulturell und räumlich determinierte Partikularisierung charakterisieren. Wichtigstes Merkmal ist die Überformung der tradierten räumlichen Strukturen und Gestaltungsprinzipien auf dem Friedhof. Die Einzel- bzw. Familiengrabstätte wird dabei tendenziell abgelöst von zumeist naturnahen Miniaturlandschaften bei einer zunehmenden Formenvielfalt von Aschenbeisetzungen. Zugleich verliert der klassische Friedhof insgesamt an Bedeutung, an seine Stelle treten zunehmend Bestattungsplätze in der freien Natur. Dabei zeigt sich ein Auseinanderdriften von Bestattungsort einerseits, Trauer- und Erinnerungsort andererseits.

The basic changes in the cemetery and funeral culture during the early 21st Century can be characterized as a socially, culturally and spatially determined particularization. The most important feature is the reshaping of traditional local structures and formation principles on cemeteries. A change of direction, led mostly by nature-related miniature landscapes with an increasingly high variety of cremations, can be seen in the detachment from individual and family graves. It can also be pointed out that the classical cemetery is becoming less important; in its place burial grounds are located in open nature. In addition, a growing gap can be observed between funeral places and, on the other hand, locations used for mourning and memory.


JAN HERMELINK
Die weltliche Bestattung als religiöse Praxis. Was die Kirche von den Bestattern lernen kann

Die sog. weltliche, nicht von der Kirche mitgestaltete Bestattung, wird in Ost- wie in Westdeutschland seitens Kirche und Theologie meist als eine Konkurrenz verstanden, die theologisch kritisiert und praktisch überboten werden muss. Diese Sicht verkennt, dass die weltliche Bestattung im Osten zur Regelbestattung geworden und auch in den Städten des (Nord-)Westens auf dem Weg dorthin ist; eine kirchliche Überbietung ist daher unrealistisch. Der Artikel schlägt stattdessen vor, die gegenwärtige „Bestatter-Religion“ als eine religiöse Praxis eigenen Rechts zu begreifen, die auf die gesellschaftliche Hochschätzung des individuellen Selbst wie auf seine manifeste ‚Erschöpfung‘ reagiert. Im Rahmen dieser dominanten, implizit religiösen Bestattungspraxis kann die Kirche dann – etwa bezüglich der Raumgestaltung, dem Umgang mit der Todesgrenze und der Entlastung einer überforderten Individualität – zwar nicht konkurrieren, aber doch eigene, theologisch begründete Akzente setzen.

Secular burial forms – those not designed by the church – can be regarded as competing with church and theology both in Eastern and Western Germany. Consequently, there is a tendency to subject them to theological criticism and outdo them in practice. This point of view overlooks the fact that secular burial forms have become a norm in Eastern Germany and are on their way of becoming so in Western Germany too (mainly in the northern areas). A clerical takeover would therefore be unrealistic. This article suggests that the contemporary “mortician’s religion” should be understood as a religious rite in itself, therefore responding both to the societal esteems of the individual and their manifested exhaustion. Within the framework of these dominant, implicitly religious funeral practices the church is able to emphasise their own theological substantiated points of view without competing. It can do so by paying special attention to the interior design of these practices, by contributing to the understanding of the borders between life and death, and easing the burden of the overstrained individuals.


REINER SÖRRIES
Urnenkirche und Kirchenwald. Die Kirche und die alternativen Bestattungsformen

Die Kirchen setzen sich nicht nur in unterschiedlicher Weise mit alternativen Beisetzungsformen auseinander, sondern entwickeln mit dem Konzept der Urnenkirche und dem christlichen Gemeinschaftsgrab eigene Alternativen. Sie können nur gelingen, wenn sie theologisch durchdacht und gestalterisch überlegt angelegt sind.

The churches not only argue in different ways about alternative funeral forms but are also developing their own alternatives to them. The concept of the urn church and the Christian communal grave are instrumental in the endeavour. These alternatives can only succeed if they’re reasoned theologically and are applied in a constructive and thoroughly debated manner.


THOMAS KLIE
Der tote Körper als Zeichen. Praktisch-theologische Erkundungen in spätmoderner Bestattungspraxis

Jährlich sterben in Deutschland fast eine Million Menschen. Diese toten Körper nötigten die Hinterbliebenen, sich zu ihnen zu verhalten. Die wissenschaftliche Theologie weiß zum Fakt des Leichnams bislang kaum etwas zu sagen. Die Beziehung zum Tod und seinen Folgen sind längst schon in den Sog gesellschaftlicher Beschleunigungen geraten. Dies wird gezeigt an den beiden Beispielen einer Urnen-Büste und des Kolumbariums auf dem Rostocker Neuen Friedhof. Die These ist, dass die neuen Totenorte die Friedhöfe nachhaltig verändern werden. Es sind hier vor allem die Nicht-Orte, die Anästhetik und die Anonymität, die vor neue Herausforderungen stellen.

Close to one million people die in Germany every year. Their surviving relations seek ways in which to relate to these bodies. Until today scientific theology has not been able to establish an understanding of the corpse. The relation toward death and its consequences has also been subject to the effects of societal acceleration. This can be shown with the help of two examples – an urn bust and the columbarium on the Neuer Friedhof in Rostock, Germany. The thesis is that these new places for dead people are going to have a strong effect on cemeteries. Above all the ‘not-places’, the anaesthetic and the anonymity will be the new challenges.


HANS-JÜRGEN KUTZNER
Liturgie im Angesicht des Todes. Sterbe- und Begräbnisliturgie im Wandel

Christliche Begräbnisriten unterschieden sich durch die in ihnen artikulierte Auferstehungshoffnung, auf die sich die regionalen Einzelbräuche bezogen, von denjenigen ihrer Mitwelt. Liturgie versteht sich in Form der Agende als eine Art Drehbuch des zu Tuenden. Die Traueragende ist ein Spezialfall innerhalb der anderen liturgischen Ordnungen, eine Amtshandlung aus Anlass eines Todes. Die Kasualie setzt sich dramaturgisch aus drei Elementen zusammen: Stille, Gebet/Singen und Weg. Gefragt wird in diesem Beitrag danach, welche zeitgemäßen Verhaltensmuster im Angesicht des Todes als ein Protest gegen den Alleinvertretungsanspruch der Vergänglichkeit akzeptiert werden.

Christian burial rites have been differentiated from other practices in relation to the articulated hope of resurrection which corresponded to certain single rites regionally. The form adopted by the service liturgy can be considered a sort of screenplay where things to be done are shown. The mourning agenda can be seen as a special case within other liturgical agendas; it can be considered as an official act on the occasion of death. In a dramaturgic view the occasional services consist of three elements: silence, prayer/singing and movement. This article deals with the question of certain contemporary behavioural patterns being understood as protests against an absolutist claim of mortality.


STEPHAN A. REINKE
Zwischen Individualität und Konformität. Zum gegenwärtigen Erscheinungsbild der Bestattungsmusik

Singen war immer ein wesentlicher Bestandteil evangelischer Frömmigkeit und ein Profilmerkmal der christlichen Kirchen. Empirisch scheint diese Selbstverständlichkeit heute verloren zu gehen. Der Gemeindegesang ist allerdings weder alternativlos noch heilsnotwendig. Gerade bei Bestattungen sehen sich viele Menschen nicht in der Lage zu singen. Der Ausfall des Gesangs bedeutet aber keineswegs die Abwesenheit von Musik oder eine liturgische Minderwertigkeit des Trauergottesdienstes. Fehlende Singkompetenz und mangelnde Repertoirekenntnis machen sich bemerkbar. Aber gerade in den Friedhofskapellen zeigt sich, wie vielfältig Musik in der Kirche sein kann. Sie ist so vielschichtig wie das allgemeine Musikleben. Das Beharren auf einem traditionellen kirchenmusikalischen Repertoire ist an dieser Stelle theologisch, musikalisch oder ästhetisch nicht zu rechtfertigen.

Singing has always been a basic component of protestant piety. It was considered a fundamental characteristic of Christian churches, although this can be no longer taken for granted. However, the singing in a parish is neither without alternatives nor necessary for salvation. At funerals people are often incapable of singing. The lack of singing and of repertoire do not by any means imply the absence of music or a liturgical inferiority within the funeral service; in cemetery chapels it can be observed how diverse music in church can be. This kind of music is as complex as any other kind. At this point an insistence on a traditional repertoire of church music cannot be justified in a theological, musical or aesthetical way.


ANTJE MICKAN
Bestattungswünsche älterer Menschen. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung

Die reflektierende Auseinandersetzung mit Zeichen, die im Kontext von Bestattungen zum Ausdruck kommen, wird in diesem Artikel als Potential der Wahrnehmung von Sinnkonstrukten und von Handlungsmöglichen in den Blick genommen. Anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse eines Interviews zum Bestattungswunsch mit einer älteren Person werden Theorie und Empirie miteinander verschränkt ausgewertet.

In this article, reflective discussion on signs used in the funeral contexts is considered as potentially perceptive of the sense of construction and of possibilities of action. Theory and empiricism are intertwined in a qualitative content analysis of an interview with an elderly person regarding their desires for their own funeral.


THOMAS LEMMEN
Muslimische Bestattungen in Deutschland

Muslime sind verpflichtet, ihre Toten nach bestimmten Vorschriften zu bestatten. Die Vorschriften sind den gottesdienstlichen Handlungen des islamischen Rechts zugeordnet, lassen aber kulturelle Eigenarten zu (z. B. rituelle Waschung, Totengebet, Erdwurf und Zuschaufeln des Grabes). Die Vielfalt dieser Bestattungskultur zeigt sich beim Besuch muslimischer Grabfelder auf deutschen Friedhöfen (z. B. Grabsteine aus der Zeit der Türkenkriege). Die überwiegende Zahl der Verstorbenen wird jedoch zur Beisetzung in die muslimische Heimat überführt. Mit der Liberalisierung der Bestattungsgesetze und Friedhofssatzungen haben dort auch Regelungen Einzug gefunden, die die religiösen Anforderungen aus islamischer Sicht berücksichtigen. Nicht geklärt ist jedoch bislang die Ruhezeit: Nach islamischem Verständnis sind Grabstätten unbefristet angelegt.

Muslims are obliged to follow very specific rites when burying their deceased. Although these rites are based on the Islamic religious law, they are subject to regional interpretation and variation in custom (e. g. concerning the ritual ablution of the corpse, funeral prayers and certain traditions regarding how soil is poured into the grave and how the grave is sealed). The diversity of the rules and regulations regarding funeral rites is obviated when visiting Muslim graves (e. g. gravestone from era of the Great Ottoman Wars). A major percentage of the deceased is transferred to their Muslim homeland for the funeral. Due to more liberal laws regarding funeral regulations and the statutes of cemeteries, new arrangements have been developed. These take the religious demands of Muslims into greater account. Nevertheless there is still an aspect which needs to be discussed: According to Islamic understanding, graves do not have a temporal limit; they are installed for an unlimited period of time.


ROLAND HARDENBERG
Die kulturelle Gestaltung des Todes in nicht-westlichen Gesellschaften

In vielen nicht-westlichen Gesellschaften werden anlässlich des Todes eines Menschen Rituale durchgeführt, die sich oft über Monate, wenn nicht sogar Jahre erstrecken. In diesen Ritualen wird der Tod meist als ein Angriff übernatürlicher Kräfte auf die Gesellschaft repräsentiert, der bestehende soziale Beziehungen zerstört. Ein Hauptziel der rituellen Aktivitäten besteht deshalb darin, den Toten und seine nahen Angehörigen erneut zu vergesellschaften. Dies geschieht, indem Geist und Körper des Verstorbenen in neue Kollektive, z. B. Ahnenreich und Beinhaus, überführt und nahe Verwandte gesellschaftlich re-integriert werden. In diesem Beitrag wird an Beispielen erörtert, mit welchen Praktiken Menschen in nicht-westlichen Gesellschaften diese Transformation bewerkstelligen. Anhand von drei Ethnographien aus Indien und Kyrgyzstan wird dargelegt, dass Rituale zum Zwecke der Transformation eine Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten herstellen müssen und dass diese Kommunikation häufig zwei ganz alltägliche Formen annimmt: Das Speisen und Sprechen mit den Toten.

In many non-western societies the death of an individual initiates a series of rituals which often last for months if not years. In these rituals death is often represented as an attack from supernatural powers which destroy a social relationship. The main aim of death rituals therefore consists in maintaining the social relationship between the deceased person and their close relatives. To achieve this, soul and body of the dead are introduced into new collectives such as the world of the ancestors or an ossuary, and the kinsmen are thus reintegrated into their society. This paper illustrates how people in non-western societies accomplish this transformation. Using ethnographic research from India and Kyrgyzstan it will be shown that death rituals often use two everyday practices to establish a direct bond between the living and the dead: eating and talking.


Visitationen


ALEX STOCK
Dem unbekannten Gott. Zur Ehre der Altäre im Museum

Der vorliegende Beitrag ist der Text eines Vortrags, der in der „Basilika“ des Berliner Bode-Museums gehalten wurde. Er nimmt die sakrale Einrichtung dieses Raums zum Anlass, um aus dem Blick der christlichen Religionsgeschichte über die Bedeutung eines Museums christlicher Kunst zu reflektieren, seine Rolle als Indikator der religiösen Lage der europäischen Kultur, als theologische Forschungsstätte und als Ort einer neuen docta pietas.

This article is a lecture delivered in the “Basilica” of the Bode Museum in Berlin. The starting point of the reflection is the sacral decoration of this room; it is used as an opportunity to reflect, from the viewpoint of Christian religious history, on the sense of a museum of Christian art and to elaborate its role as an indicator of the religious situation of European culture, as a site of theological research and as the place of a new docta pietas.