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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

29. Jahrgang, Heft 1/2012

Religionswissenschaft – Theologie. Erkundungen einer strittigen Zuordnung


PETER ANTES
Religionswissenschaft und Theologie. Abgrenzung – aber wie?

Anhand der „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen” erklärt der Beitrag, warum die Religionswissenschaft in Deutschland keine große Bedeutung erlangen konnte. Um sie von der Theologie klar zu unterscheiden, könnte es hilfreich sein, die Unterscheidung zwischen den Jüdischen und den Islamischen Studien einerseits und der Judaistik und Islamwissenschaft andererseits zu übernehmen, der zufolge allein die Bekenntnisbezogenheit den Unterschied ausmacht. Auf die Theologie übertragen, würde das besagen, dass nur die Theologie aktiver Partner im interreligiösen Dialog sein kann, während der Religionswissenschaft die Rolle einer Dolmetscherin zukommt.

On the basis of “Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen (Recommendations for the Advancement of Theology and Religion-based Scholarship at German Universities)”, this article explains why the study of religion was unable to develop any importance in Germany. To clearly distinguish this discipline from theology it might be helpful to enunciate the distinction between the fundamental study of Jewish and Islamic religions on the one hand and the broader study of Jewish and Islamic culture on the other, the essential difference being questions of adherence to institutional doctrine. If applied to theology, the distinction is that only theology can be an active partner in interreligious dialogue, while the study of religion in a wider sense takes on the role of an interpreter.


STEFAN SCHREINER
Islamische Theologie – eine theologische Islamwissenschaft? Zur konzeptionellen Differenz und institutionellen Abgrenzung zwischen islamischer Theologie und Islamwissenschaft

Während der Wissenschaftsrat in seinen „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen” die Einrichtung von Zentren oder Einheiten für Islamische Studien vorgeschlagen hatte, um islamisch-theologische Forschung zu fördern, ist inzwischen nicht mehr von „Einheiten/Zentren für Islamische Studien” die Rede, sondern von „Einheiten/Zentren für Islamische Theologie”. Darin spiegelt sich der Bedarf nach institutioneller und konzeptioneller Differenzierung zwischen der wissenschaftlichen Erforschung des Islams mit dem Ziel seiner historisch-philologischen, empirischen und systematischen Darstellung auf der einen Seite, und der darüber hinausgehenden, kritisch reflektierten theologischen Selbstdarstellung auf der anderen Seite. Entgegen den Empfehlungen des Wissenschaftsrates, der „eine Institutionalisierung in Form eines Instituts an einer Philosophischen oder Kulturwissenschaftlichen Fakultät als zurzeit angemessene Lösung” vorschlägt, wird in diesem Artikel dafür plädiert, Zentren für Islamische Theologie als eigene, selbständige organisatorische Einheiten an den Hochschulen zu institutionalisieren – was letztlich sowohl der theologischen als auch der nicht-theologischen Islamforschung zugute kommen wird, wie auch der Religionsforschung generell.

In its “Recommendations for the Advancement of Theology and Religion-based Scholarship at German Universities” the German Council of Science and Humanities (Wissenschaftsrat) had suggested establishing “units” or “centers” of Islamic Studies for the purpose of advancing Islamic theological research. In the meantime, however, there has been a shift in nomenclature from “units/centers of Islamic Studies” to “units/centers of Islamic Theology”. This reflects the need for institutional and conceptual differentiation between the academic study of Islam aiming at its historical, philological, empirical and systematic representation, on the one hand, and the academic study of Islam going beyond this by including a theologically reflected self-representation, on the other. Contrary to the Council’s proposition for “the establishment of Islamic Studies as institutes at faculties of philosophy or cultural studies as the appropriate solution”, this article advocates the institutionalization of centers for Islamic Theology as separate, self-governing organizational units at the universities – for the benefit of both theological and non-theological research in Islam as well as for the advantage of the study of religions generally.


PERRY SCHMIDT-LEUKEL
Der methodologische Agnostizismus und das Verhältnis der Religionswissenschaft zur wissenschaftlichen Theologie

Der in der Religionswissenschaft häufig als Grundprinzip affirmierte methodologische Agnostizismus kann auf zwei unterschiedliche Weisen verstanden werden: entweder als die Enthaltung von jeglichem Urteil über Wahrheit und Wert von Religion(en) oder als Enthaltung von apodiktischen Urteilen. Die erste Version verursacht ein Dilemma: Bei strikter Einhaltung vermag die Religionswissenschaft keine Erklärung oder Deutung von Religion mehr zu geben und wird damit als eigene Disziplin überflüssig. Wenn sie aber weiterhin eine Erklärung von Religion verfolgt, dann wird diese entweder reduktionistisch (atheistisch) oder realistisch (theologisch) ausfallen und daher den methodologischen Agnostizismus verletzen. Folgt man jedoch der zweiten Version des methodologischen Agnostizismus, dann löst sich das Dilemma auf und das Verhältnis von Religionswissenschaft und Theologie lässt sich auf eine neue, nicht-antagonistische Weise bestimmen.

Methodological agnosticism, frequently affirmed as a basic principle within “Religionswissenschaft”, can be understood in two different ways, either as abstaining from any judgement on truth and value of religion(s) or as abstaining from apodictic judgements. The first version creates a dilemma: If strictly obeyed, “Religionswissenschaft” can no longer suggest an explanation or interpretation of religion and will thereby become redundant as a distinct discipline. Yet if explaining religion is still on its agenda, it will be either reductionist (atheist) or realist (theological) and thus violate methodological agnosticism. The dilemma, however, disappears if the second version of methodological agnosticism is adopted, which would also allow for a new, non-antagonistic construction of the relationship between “Religionswissenschaft” and Theology.


JENS U. SCHLIETER
Methodologie als Shibboleth? Methodische und theoretische Differenzen zwischen theologischer und religionswissenschaftlicher Religionsforschung

Ziel des vorliegenden Aufsatzes ist es, das disziplinäre Verhältnis zwischen Theologie und Religionswissenschaft neu zu bestimmen. Nach einer Durchsicht der Argumente, die den Unterschied beider zum Beispiel in der Frage der Innen-/Außensicht, des methodologischen Agnostizismus oder der Normativität festmachen, wird dafür plädiert, den Unterschied weniger in methodologischen Differenzen als vielmehr im je spezifischen Erkenntnisinteresse festzumachen.

The paper explores the disciplinary differences between theology and the science of religion. It has been suggested that these differences can be found in methodological aspects – in regard to normativity, insider/outsider perspectives, or the ‘methodological agnosticism’ of the latter. The paper argues that methodological differences are less significant compared to the rather far-reaching differences of the respective ‘cognitive interests’.


ANDREAS FELDTKELLER
Das Menschenbild von Religionswissenschaft und Theologien als Raum ihrer Abgrenzung und Kooperation

Der Artikel geht der Frage nach Menschenbildern von Religionswissenschaft und Theologien in drei verschiedenen Hinsichten nach: (1) wie werden die Menschenbilder von Religionsgemeinschaften beschrieben, (2) welches Menschenbild ist im wissenschaftlichen Blick auf religiöse Menschen impliziert und (3) welche Voraussetzungen nehmen die wissenschaftlich tätigen Menschen für sich selbst in Anspruch.

The article examines implicit ideas about human beings in the academic discipline of religious studies as well as in theologies on three different levels: (1) how do academic discourses describe religious ideas on mankind, (2) what images influence the view of researchers on religious men and women and (3) what ideas on the possibilities and limitations of human insight are implied in the methods of research themselves.


ANNA-KATHARINA HÖPFLINGER/DARIA PEZZOLI-OLGIATI
Plurale Blicke auf Religion. Ein Essay über Gender-Perspektiven im Spannungsfeld zwischen Religionswissenschaft und Theologie

Die Pluralität der Blicke auf Religion steht im Zentrum dieser Verhältnisbestimmung zwischen Religionswissenschaft und Theologie. Als Fokussierung dient die Aufnahme von Gender-Perspektiven in dieser Disziplin. Die Leitlinie bilden drei Grundspannungen: Das Verhältnis zwischen religionswissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen zu Religion, zwischen wissenschaftlichen Institutionen und Forschenden und zwischen Forschenden und Forschungsfeldern. Die Rezeption von Gender-Perspektiven hebt zudem den Einfluss biographischer, gesellschaftlicher, politischer Debatten auf die Erforschung von Religion hervor. Dabei kristallisiert der Essay die Pluralität religionswissenschaftlicher Ansätze als eine Bereicherung heraus und betont die Wichtigkeit eines hermeneutisch reflektierten Umgangs angesichts der vielen Interessen, die um die Wissenschaft als gesellschaftlichen Diskurs kreisen.

This essay contributes to the debate concerning the relationship between the study of religion and theology by outlining the plurality of perspectives within the study of religion itself. The sustained focus on gender perspectives in this field is particularly appropriate for demonstrating the coexistence of different, sometimes even divergent, approaches within this academic discipline. The essay concentrates on three lines of tensions in this area: tensions between the study of religion and public debates about religion; tensions between academic institutions and research projects; and, finally, tensions between research projects and fields of research. Attentiveness to the reception of gender perspectives clarifies the influence of biographical, social, and political backgrounds on research on religion. The study concludes that the plurality of approaches within the study of religion constitutes a richness in this discipline, but one which requires an accurate hermeneutical reflection to manage the disparate nature of the interests surrounding academics as a part of the social discourse.


BERTRAM SCHMITZ
Zur Verhältnisbestimmung von Theologie und Religionswissenschaft – Reflexionen über ein schwieriges Verhältnis und Zukunftsperspektiven

Die Disziplin Religionswissenschaft versteht ihren Gegenstand Religionen durchgehend als darzustellendes und zu untersuchendes Objekt. Demgegenüber versteht sich die Theologie letztlich an je ihre Religion/Konfession gebunden, auch wenn sie vielfach wissenschaftlich objektive Methoden und Reflexionen verwendet. Der Artikel zeigt, inwiefern die theoretisch klare Unterscheidung in der Praxis und im Detail – durch personelle, methodische und inhaltliche Überschneidungen – zu erheblichen Konflikten führen kann.

The discipline of Science of Religion understands its topic, religions, generally as an object of the description and research. Contrary to this position, the discipline of Theology includes a deep inner relationship to its own confession and faith, even if it uses different objective scientific methods. This article shows, in which ways this theoretically clear difference can lead – due to personal, methodical or topical overlapping – to significant conflicts when it comes to the more detailed and practical field.



Visitationen


KJETIL HAFSTAD
Zweihundert Jahre norwegische akademische Theologie – was bringt uns weiter? Fragen an Geschichte und Gegenwart

In seinem Vortrag skizziert Hafstad die Schwerpunkte der wissenschaftlichen Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität in Oslo seit den Anfängen vor 200 Jahren, benennt die gegenwärtigen Probleme vor ihrem Hintergrund in der norwegischen Tradition und Geschichte und deutet die wichtigsten Linien in die Zukunft an. Die neuesten Entwicklungen der letzten Jahre stehen dabei im Zentrum.

In this lecture, originally presented in Berlin October 2010 during the celebration of 200 years of teaching and researching Theology in Berlin, Hafstad presents the profile of his own sister institution, Det teologiske fakultet at the University of Oslo, which likewise celebrated 200 years, however in 2011. In this revised version of the lecture Hafstad focuses on “openness” and “identity” to pinpoint longstanding trends in this faculty’s service in University, Church and Society. He also gives a more detailed picture of the challenges the faculty faces today, and presents how the institution has started to meet questions on, among others, gender, intercontextual theology, interreligious dialogue and at the same time retain protestant tradition in the significant fora of university, church and society.