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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

28. Jahrgang, Heft 1/2011

Ratlos vor dem Reformationsjubiläum 2017?


HARTMUT LEHMANN
Unterschiedliche Erwartungen an das Reformationsjubiläum 2017

In sechs Jahren, 2017, wird von den Protestanten der gesamten Welt das große Reformationsjubiläum gefeiert. Bei den Vorbereitungen hat die EKD die Initiative ergriffen. Schon im Vorfeld zeichnet es sich aber ab, dass von verschiedenen Seiten durchaus unterschiedliche Erwartungen an dieses Ereignis geknüpft werden – kirchenpolitische, theologische und kulturelle, aber auch ökonomische Erwartungen.

Six years from now, in 2017, Protestants from around the world will remember the 500th anniversary of the beginning of the Lutheran Reformation. In preparing for this event, the Protestant Churches of Germany (EKD) have taken the initiative. Already now, however, it is quite evident that different groups have different expectations – with regard to church politics, to theology and to cultural life, but also with regard to the field of economics.


WOLFGANG FLÜGEL
»Und der legendäre Thesenanschlag hatte seine ganz eigene Wirkungsgeschichte« – Eine Geschichte des Reformationsjubiläums

Im 16. Jh. zelebrierten protestantische Universitäten anlässlich ihrer Gründung die ersten historischen Jubiläen. Nach diesem Vorbild feierte die Theologische Fakultät der Universität Wittenberg das erste Reformationsjubiläum 1617. Protes - tantische Landesherren folgten diesem Vorbild und ordneten ähnliche Säkularfeiern in ihren Territorien an. Damit machten sie die Jubiläumstradition im nichtakademischen Umfeld populär. Dieser Artikel erklärt Entstehung, Ausbreitung und Entwicklung der Reformationsjubiläen vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.

In the 16th century Protestant universities held the first centenary anniversaries on occasion of the centenary or bicentenary of their founding day. Based on this model, the theological faculty of the university Wittenberg celebrated the anniversary of Reformation Day for the first time 1617. Protestant Rulers followed the lead of the university and declared similar jubilees within their territories, thus popul arizing the tradition to a non-academic environment. This paper explores creat ing and spreading the tradition of jubilee of Reformation Day from 17th up to the end of 20th century.


STEFAN RHEIN
Die Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum 2017. Ein Werkstattbericht

Das Reformationsjubiläum 2017 wird durch eine vorgeschaltete „Lutherdekade“ – von Kirche und Staat gemeinsam – konzeptionell und organisatorisch vorbereitet. Ihre Handlungsfelder lassen sich unter Überschriften wie Baumaßnahmen, kulturelle Bildung, touristisches Marketing etc. fassen. In seinem Werkstattbericht stellt der Leiter der staatlichen Geschäftsstelle „Luther 2017“ Ziele, Konzepte und Akteure des Jubiläums „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“ vor.

The anniversary of the reformation 2017 is conceptually and organizationally prepared through a “Luther-decade” which is accomplished by church and state together. Its managerial functions and responsibilities can be summarized by superscriptions like building measures, cultural education, touristy marketing etc. In his report the director of the state agency presents aims, concepts and actors of the jubilee „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“.


CHRISTOPH MATSCHIE
Lutherland Thüringen. Vom Nutzen der Vergangenheit für die Zukunft

Martin Luther zählt zu den bekanntesten Deutschen. Fragt man genauer nach, wird allerdings deutlich, dass das abrufbare Wissen über diesen kongenialen Mittler zwischen Mittelalter und Neuzeit ebenso wie die Kenntnisse über das epochale Modernisierungsereignis Reformation relativ schwach ausgebildet sind. Der Beitrag geht der Frage nach, ob die Wortschöpfung „Lutherland Thüringen“ angesichts dieser Wissenslücken und mit Blick auf den gegenwärtigen Prozentsatz von ca. 25 Prozent evangelischen „Landeskindern“ als kultuspolitische Aufgabenbeschreibung sachgerecht und angemessen ist. Fünf Themenfelder werden abgeschritten, um auf das gesamtgesellschaftliche Vitalisierungsprojekt Reformation aufmerksam zu machen: Bildung und Erziehung, Religion und Menschenrechte, Freiheit und Bindung, Rationalität und Marktwirtschaft, Politik und Staatskunst. Der Autor begreift „Lutherland“ als einen identitätsstiftenden Bestandteil der einzigartigen Kulturlandschaft Thüringen, dessen Entwicklungspotenziale bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind. Mit der nationalen und internationalen Aufmerksamkeit auf die Reformationsdekade und das Jubiläum „Luther 2017“ wächst die Dringlichkeit der Frage nach dem Stellenwert dieses Welterbes für die Thüringer Landesentwicklung. Im Zentrum der Überlegungen steht die Frage: Welche reformatorischen Spuren und Impulse sind erkennbar, die als Inspiration für politisches Denken und Handeln in Thüringen und in Deutschland im 21. Jahrhundert genutzt werden können?

Martin Luther is considered to be one of the best known Germans. However if one enquires further, it becomes clear that there is only rudimentary knowledge about this congenial intermediary between the Middle Ages and modern times, just as there is about the epochal Reformation as a modernising event. This article enquires whether the neologism “Luther-Land Thuringia” as a cultural-political de - scription is appropriate and fitting in the face of this lack of knowledge and with a view to the current proportion of about 25 percent of the population of Thuringia who are members of the Evangelical churches in the state. Five themes will be investigated in order to raise awareness of how the Reformation vitalised the whole of society: education and upbringing, religion and human rights, freedom and ties, rationality and market economy, politics and statesmanship. The author understands “Luther-Land” as an identity-endowing component of the unique cultural landscape of Thuringia, and of which the potential for development has not yet been fully exploited. With national and international attention towards the Reformation decade and the Jubilee “Luther 2017” there is a growing urgency of the issue concerning the significance of this world heritage for the development of the German Federal State of Thuringia. At the core of these considerations is the question: “Which traces and impulses of the Reformation are recognisable and can be used as inspiration for political thinking and action in Thuringia and in Germany in the twenty-first century?”


EILERT HERMS
Fortschritte zur Überwindung der Spaltungen in der Kirche. Zu welchen Erwartungen berechtigt das Reformationsgedächtnis 2017?

Zur Überwindung der Spaltungen in der westlichen Kirche sind letztlich jeweils gemeinsame Schritte der beteiligten Gemeinschaften erforderlich und zwar in Form von „gemeinsamen offiziellen Feststellungen“ über das Verhältnis, in der die Lehrgestalt der einen zu der der anderen Seite steht. Vorausgesetzt und enthalten sind darin jedoch stets einseitige Schritte, die jede Seite in Treue zur je eigenen Lehre und ihrer Sicht des einheitlichen Grundes und Gegenstandes des Glaubens zur Überwindung der Spaltung tut. 2017 könnte für die römisch-katholische Seite Gelegenheit für einen solchen einseitigen, in Treue zu eigenen Grundsätzen zu vollziehenden Schritt bieten: für die offizielle Darlegung der positiven Auswirkungen der lutherischen Reformation auf die Entwicklung der römischkatholischen Gemeinschaft, wie sie aus römisch-katholischer Perspektive bei Ernstnahme des providentiellen Aspekts auch dieses Geschichtsereignisses inzwischen sichtbar geworden sind. Das könnte den evangelischen Gemeinschaften signalisieren: ihr Festhalten am reformatorischen Erbe erleichtert die Überwindung der Spaltung eher als dass es sie erschwert.

In order to negotiate the cleavages in the western church respectively common steps of the involved associations are to be taken in form of common official declarations about the relation they are correlated to each other. Though lopsided steps are always assumed which each side in faith and loyalty to its own device and perspective of the cause of belief in order to negotiate the cleavages does. 2017 could provide the opportunity for the Roman Catholic side to take a step in this kind of meaning. It could provide an opportunity for an official statement about the positive implications of the Lutheran reformation on the Roman Catholic development how it also became clear in the Roman Catholic perspective while taking the providential aspect of this historical event seriously. This could signal the Protestant associations the following; their adherence on the Reformation heritage alleviates the negotiation of the cleavages more than it complicates them.


WOLFGANG THÖNISSEN
Katholische Zugänge zu Luther und der Reformation

In der Perspektive katholischer Theologie erscheint die mit der Reformation einhergehende Spaltung der abendländischen Christenheit nicht als Erfolg, sondern kann nur als Ausdruck des vorläufigen Scheiterns der Reformation verstanden werden. Für die ökumenische Rezeption der Ereignisse des Jahres 1517 kommt es darauf an, den Reform-Impuls der Reformation mit dem heutigen ökumenischen Anliegen der Wiederherstellung der Einheit der Christen zu verbinden, um damit die Spaltung der abendländischen Christenheit zu überwinden.

In the perspective of Catholic theology, the division of western Christianity going along with the Reformation does not appear to be a success but can only be understood as expression of the temporary failure of the Reformation. For the ecumenical reception of the events of the year 1517, it is important to connect the reform impulse of the Reformation with the ecumenical concern of today to reestablish Christian unity in order to overcome the division of western Christianity.


FRIEDRICH WEBER
Konfessionalität und Ökumene – zur ökumenischen Dimension der Reformationsdekade

Das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 und die Jahre dorthin sind von der EKD, der Gemeinschaft der lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in Deutschland, als Reformzeitraum bestimmt worden. Ein spezifisch lutherischer Akzent wird durch die Öffnung dieses Reformvorgangs in die Ökumene erreicht. Dieser allerdings kann durch eine konfessionalistische Profilierung des Prozesses gefährdet werden.

Since the year 2007 various clerical, scientific, state and economic-touristic institutions try to use the decade until the reformation’s jubilee 2017 for their own purpose. However, ecumenical implications were not much focused in the beginning but gained more and more importance when preparing the 2. Ökumenischer Kirchentag in München. Therefore we have to be sensitive to the need to develop an identity that is recognisable and, at the same time, does not exclude others. It is important to live the ecumenical character of the reformation.


GERHARD LUDWIG MÜLLER
In gemeinsamer Verantwortung. Anfragen an das Reformationsjubiläum 2017

Die ökumenische Diskussion wird sich in den nächsten Jahren intensiv mit dem Reformationsgedenkjahr 2017 beschäftigen. Jenseits von konfessioneller Profilierung kann das sachgerechte theologische und historische Gedenken an das Jahr 1517 zu einer Neuausrichtung der Ökumene beitragen, wenn die vielversprechenden Formen der Begegnung und des Gesprächs für die Zukunft etabliert werden.

In the following years the ecumenical discussion will intensely concentrate on the anniversary year of the reformation 2017. An appropriate theological and historical commemoration of 1517 can contribute to an ecumenical reorientation beyond denominational boundaries, if promising forms of meeting and conversation are established for the future.


THEO DIETER
Das Reformationsjubiläum 2017 – Perspektiven aus dem Lutherischen Weltbund

Die Umstände, unter denen das Reformationsjubiläum 2017 gefeiert werden wird, werden sich tief von den Umständen unterscheiden, unter denen frühere Jubiläen stattfanden. Der Artikel beschreibt drei dieser veränderten Gegebenheiten und entwickelt daraus Konsequenzen für eine angemessene Feier von 500 Jahren Reformation – vor allem aus der Perspektive des Lutherischen Weltbundes.

The circumstances under which the Reformation jubilee in 2017 will be celebrated will differ very much from the circumstances under which previous jubilees took place. This article describes three of these new circumstances and develops the consequences to be drawn with respect to an appropriate celebration of “500 years of Reformation“ – mainly with regard to the Lutheran World Federation.


OTFRIED CZAIKA
Die Jubelfeiern anlässlich der schwedischen Reformation zwischen 1893 und 1932

Der Artikel behandelt die wichtigsten Themen der schwedischen Reformationsjubiläen von 1893 bis 1932. Die Leitmotive dieser Jubiläen sind 1) der nationale Diskurs als Echo auf die Nationalromantik des 19. Jahrhunderts, 2) die Dominatsetzung von Martin Luthers Leben und Theologie als Reaktion auf die Erwe - ckungsbewegungen, 3) sowie ein Kontrapunkt gegen die Religionskritik, die besonders stark von sozialistischem Gedankengut überformt war und 4) last but not least eine Reaktion auf die moderne Theologie, die eine positive Aufnahme der his torisch-kritischen Methode und von Karl Holls Forschung beinhaltete, gleichzeitig aber eine Abwehr der Liberaltheologie, insbesondere der Theologien von Albrecht Ritschl, Adolf von Harnack und Ernst Troeltsch beinhaltete.

The article discusses the main themes of the Reformation anniversaries in Sweden between 1893 and 1932. The Leitmotifs of these events are: 1) the national discourse as a reaction on the national romantic movement of the 19th century, 2) the highlighting of Martin Luther’s life and theology as a reaction on the awakening movements, 3) a counterpoint to the arising criticism of religion which was strongly connected to a socialistic weltanschauung, 4) and last but not least a reaction to the modern theology, which implemented a positive reception of the historicalcrictical method and on Karl Holl’s thoughts, but refused the liberal theology of Albrecht Ritschl, Adolf von Harnack and Ernst Troeltsch.


Forum


ULF LIEDKE
In Bilder verstrickt. Zum Bild befreit – Kernpunkte theologischer Anthropologie angesichts aktueller Herausforderungen

Die Imago Dei gründet in Gottes Beziehung zum Menschen und ist als relationales Entsprechungsverhältnis zur trinitarischen Lebensform Gottes zu verstehen. Zentrale anthropologische Begriffe – Personalität, Subjektivität, Sozialität, Glaube, Leiblichkeit, Bildung und Fragmentarität – lassen sich vor diesem Hintergrund relational als Phänomene des menschlichen Beziehungsreichtums in seinem Gottes-, Sozial- und Selbstverhältnis interpretieren.

The Imago Dei is based on God’s relationship to man and is to be understood as a relational analogy to the trinitary life form of God. Central anthropological terms – personality, subjec-tivity, sociality, faith, bodiliness, education and fragmentarity – can be relationally interpreted before this background as phenomena of the human wealth of relations in their relationship with God, society and the self.