Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

26. Jahrgang, Heft 1/2009



Rituale repräsentieren Ordnungen und dienen als Bewältigungsmechanismen für Unbekanntes. Gemeinsam mit den Symbolen verkörpern sie eine spezifische Form menschlicher Wirklichkeitskonstruktion. Vor diesem Hintergrund fragt der Artikel insbesondere nach der formalen Orientierungsstruktur von Ritualen und berücksichtigt dabei Ergebnisse der Ethologie. In verschiedenen Argumentationsdurchgängen wird der Begriff „Ritual“ inhaltlich bestimmt, die individuelle und kollektive Bedeutung von Ritualen dargestellt und nach dem Spezifikum symbolisch-ritueller Formen gefragt.

Rituals serve for representing orders and as a mechanism to overcome the unknown. As symbols do, rituals represent a specific form of the human construction of reality. Taking this as a starting point, the article asks especially for the formal structure of the orientation of rituals, considering achievements of the ethnology. The term “ritual” is filled from several points of view, the individual a collective meaning of rituals is shown and the specification of symbolic-ritual forms is considered.

Dem Chaos gestaltend begegnen. Aspekte christlicher Rituale in der Notfallseelsorge

Notfallseelsorge handelt an plötzlich aufbrechenden Schnittstellen und Schwellensituationen von Leben und Tod. Wenn in solchen Umbruchszenarien sachliche Erklärungen und fachliche Handlungsmöglichkeiten zur Kontingenzbewältigung nicht ausreichen, können Rituale Heil-sames unter den Bedingungen des Chaos und des Absurden gestalten. Diese Rituale müssen Einsichten anderer Fachdisziplinen wie z.B. Psychologie und Medizin aufnehmen und sich angemessen in die Situation einfügen. Wer sie verwendet, muss positive Lernerfahrungen da-mit haben und über mehrdimensionale persönlich-fachliche Kompetenzen verfügen. Eine taktischen Erfordernissen genügende Ausrüstung und Kleidung gehören dazu. Gelingende Rituale können ein neues, ggf. die jeweilige Situation aushaltendes Verständnis ermöglichen.

Pastoral care for emergency situations acts at sudden points of intersection and in liminal situations concerning life and death. If then matter-of-fact explanations and realistic chances to get the contingency under control come to an end, rituals can form some salutariness under the conditions of the chaos und the absurd. These rituals must take into consideration the results of other sciences as for example psychology and medicine and must try to fit with the special situation. Using rituals, one must have positive experiences with them und must also have wide dimensioned personal and professional competences. Equipment and dress have to be chosen by tactical reasons. Successful rituals may allow to cope with the awesome situation by getting a new perspective on it.

Die Jugendweihe. Die Dynamik eines Rituals zwischen Beharrung und Wandel

Die Jugendweihe ist ein Ritual, das auch nach dem Ende der DDR in Ostdeutschland noch populär ist. Wie ist das Verhältnis der Jugendweihe zur Konfirmation zu bestimmen? Dieser Beitrag interpretiert Jugendweihe und Konfirmation als Jugendrituale, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind und das Thema der Selbstwerdung und Mündigkeit im Jugendalter zum Gegenstand haben. Vor diesem Hintergrund kann die Jugendweihe exemplarisch den Wandel und die Beharrungskraft von Ritualen in der modernen Gesellschaft abbilden. Der Vergleich mit der Jugendweihe wirft nicht zuletzt neue Perspektiven auf das Verständnis der Konfirmation als Ritual im Jugendalter.

Jugendweihe is an East German phenomenon which is still very popular. It was established in 1851 in close affiliation to Confirmation and adopted in the former GDR as an obligatory pledge to socialism, as a means for displacing the Christian rite of Confirmation. In this contribution the question of why the Jugendweihe is still so popular, is considered. The aim is to show that Jugendweihe and Confirmation are both initiation ceremonies, whose emphasis is on youth and maturity in modern society.

Frei gestaltet. Rituale im Religionsunterricht

Seit „1968“ galten Rituale im Religionsunterricht wie im Unterricht überhaupt als zu vermeidende starre Inszenierungsmuster. Mit dem Bedarf an strukturierenden Unterrichtselementen sind Schul- und Unterrichtsrituale vielerorts zu einem selbstverständlichen Teil der Schulkultur geworden. Die von der erziehungwissenschaftlichen Ritualforschung derzeit betonte Offenheit und Innovationsfähigkeit von Ritualen ist auch im Religionsunterricht didaktisch zu nutzen. Insbesondere die Perspektive von Schülerinnen und Schülern zeigt für die Religionspädagogik relevante Aspekte und Fragerichtungen auf.

Since “1968” rituals in religious education, as indeed in education in general, have been frowned upon as rigid presentation models to be avoided. Due to the demand for structured teaching elements, rituals have now, however, become widely accepted as part and parcel of school culture. Research on rituals conducted in educational studies currently emphasises the openness and innovativeness of rituals, and this fact should be used to didactic advantage in religious education. The pupil perspective in particular identifies aspects and issues relevant to religious pedagogics.

Kriegstote und Kirche. Riskante zivilreligiöse Rituale am Sarg von Soldaten

Rituale brauchen Anlässe, aber auch Räume. Trauerfeiern für Soldaten, die bei Kampfeinsätzen gefallen waren, fanden bisher in deren Heimatkirchen statt. Mit der Zahl der getöteten Soldaten wuchs das Bedürfnis der Bundeswehr nach einem eigenen Ehrenmal, an dem künftig gefallenen Soldaten die letzte Ehre gegeben werden soll. Das im Bau befindliche Ehrenmal der Bundeswehr auf dem Gelände des Verteidigungsministeriums in Berlin zieht allerdings Kritik auf sich. Der Standort ist nur zum Teil öffentlich, die Symbolik ist im wahrsten Sinne des Wortes „hohl“, die vergoldete Bronzehülle erinnert mehr an ein Spielcasino als an einen Ort würdiger öffentlicher Trauer. Ein religiöser Bezug fehlt. Die Kirchen sind aufgefordert, jenseits von Heldenverherrlichung und Antikriegsrhetorik eine angemessene Liturgie für im Kampf getötete Soldaten zu entwickeln.

Rituals need occasions but also sites. In the past funeral services for soldiers who have died during combat operations used to take place in the church of the soldier’s parish. With an increasing number of casualties the Bundeswehr thought of erecting a memorial where it would be possible conduct a funeral service for the dead soldiers. While the memorial is being constructed on the grounds of the Ministry of Defense in Berlin, it has come under criticism. The place is only partly public, the symbolism is unsubstantial, the gilded bronze-covering reminds more of a gambling casino than of a place of respectful public mourning. A religious reference is missing. The churches have to think about an adequate liturgy for soldiers who have died in a war, a liturgy beyond the glorification of heroes and anti-war-rhetoric.

Das Fernsehen als religiöses Alltagsritual. Ein Beitrag zur Medienreligionshermeneutik

Es wird gezeigt, dass das Fernsehen zahlreiche religiöse Funktionen erfüllt. Es schreibt die alten Mythen vom Ursprung und Ende aller Dinge weiter, liefert Strategien zur Bewältigung alltäglicher Beziehungsprobleme, aber auch der Krisen- und Grenzerfahrungen des Lebens. Es baut moralische Resonanzräume auf, führt in die Begegnung mit dem Geheimnisvollen der Wirklichkeit und verbindet die Menschen bei besonderen Ereignissen wie 9/11 zu einer weltweiten Kommunikationsgemeinschaft. Im Vergleich mit den Medien kirchlich-religiöser Kommunikation werden zuletzt die praktisch-theologischen Konsequenzen dieses religionshermeneutischen Vorgehens formuliert.

It is shown that the television fulfils many religious functions. It perpetuates the old myths of origin and end of all things, provides strategies for coping everyday conflicts of relationships, but also for coping crises and border experience of life. It constructs moral resonance areas, leads into meeting the mysterious of reality and connects people at special incidents like 9/11 to a global community of communication. Finally in comparison to the media of ecclesiastical communication concrete-theological consequences of these hermeneutic procedure are formulated.

Vom Ritual zum Ritus. Ritologische Schneisen im liturgischen Dickicht

Der Ritualbegriff ist in der Praktischen Theologie, vor allem in der Liturgik, seit 30 Jahren breit rezipiert. Kaum aber wird dabei die ethnologische Pointe dieser unscharfen Kategorie beachtet. Zudem hat die Wirkungsgeschichte „Ritual“ über die Jahre zu einem Signal ohne Signifikanz werden lassen. Für die Liturgik ist der Begriff des „Ritus“ insofern angemessener, als er in der Liturgik eingeführt ist und die Kompositionslogik ins Zentrum rückt.

The term of “ritual” has been noticed widely in practical theology, especially in liturgy, for the last 30 years. But in doing so the ethnological point of this inexact category is hardly considered. Besides, during the years the history of reception let “ritual” become a signal without significance. For liturgy the term of “rite” is in so far more appropriate as it is established in liturgy and centres the logic of composition.


… aller Vorträge und einiger ausgewählter Impulsreferate, die auf der Tagung „Religion an öffentlichen Schulen“ am 4. Dezember 2008 in Berlin gehalten wurden.


Wo wohnt Gott? Alttestamentliche Konzeptionen der Gegenwart Jahwes am Beispiel des Tempelweihgebets 1 Könige 8

In diesem Aufsatz wird gezeigt, dass sich in 1 Könige 8 drei unterschiedliche Konzeptionen der Gegenwart Gottes im Jerusalemer Tempel finden, die auf verschiedene Bearbeitungen des Textes zurückgehen. Die ursprüngliche Vorstellung der Jerusalemer Tempel-Theologie, dass Gott im Allerheiligsten des Tempels wohnt, kam durch die Zerstörung des Tempels in eine Krise, auf die die deuteronomistische Theologie mit der Vorstellung reagierte, dass im Tempel nur der „Name“ Gottes gegenwärtig ist, während Gott selbst im Himmel thront. Auch für die exilisch/nachexilische Priester-Theologie wohnt Gott im Himmel; der Tempel aber ist durch die „Herrlichkeit“ Gottes erfüllt.

In this essay it is shown that there are three differing conceptions of the presence of God in the Temple in Jerusalem in 1 Kings 8. These arise out of different revisions of the text. The original conception of the Theology of the Temple in Jerusalem, that God lived in the Holy of Holies, fell into a crisis after the destruction of the Temple. The deuteronomistic theology reacted by saying only the “name” of God lived in the Temple, whereas God himself reigned in heaven. In the conception of exilic and post-exilic priestly theology God reigned too in heaven, but the Temple is filled with the “glory“ of God.

Theologie im biographischen Kontext

Salim und Schalom. Laudatio für Prof. Dr. Matthias Petzoldt aus Anlass seines 60. Geburtstages