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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

22. Jahrgang, Heft 2/2005

Kanon und Schriftauslegung


CHRISTOF GESTRICH
Schriftauslegung und Macht – ein unerledigtes Problem von „sola scriptura“

Das protestantische Selbstbewusstsein, die Theologie und die Predigt rein „nach der Schrift“ zu gestalten und nicht, wie es den Katholiken vorgeworfen wurde, „nach menschlichen Maßstäben und Traditionen“, bedarf heute einiger Abstriche. Auch die Protestanten können das, was die Bibel sagt, nicht frei von eigenen Interessen, subjektiven Blickrichtungen, zeitbedingten weltanschaulichen Vorgaben und traditionellen kirchlichen Formulierungen zur Sprache zu bringen. Dadurch wird eine nicht gewollte menschliche Macht ausgeübt. Außerdem stellt sich heute die reformatorische Meinung, alle Gemeindeglieder könnten durch eigene Bibellektüre die Wahrheit einer Predigt kontrollieren, als eine Übertreibung heraus. Die Macht über die Hl. Schrift liegt bei den Spezialisten in den Universitäten und auf den Kanzeln. Manchmal ist es aus heutiger protestantischer Sicht gut, wenn diese Spezialisten sich wenigstens dem Urteil einer langen kirchlichen Auslegungstradition stellen müssen. Die Exegese steckt in einer hermeneutischen Krise, die zugleich eine Anfrage an die ganze protestantische Theologie darstellt. Wird sie diese Krise im Verbund mit der systematischen Theologie überwinden können?

The Protestant self-conception, according to which theology and sermons are elaborated only by recourse to the scripture rather than – as the Catholic Church was accused of – traditions and human yardsticks can today no longer be held up to the full extent. Protestants, too, cannot articulate the message of the bible free from their own interests and their personal perspectives, and without taking account of the ideological circumstances of their time and the traditions of the church. Thereby an unwanted human power is exercised. Furthermore, the reformational view that all the parish’s members could control the truth of a sermon by reading the Bible on their own is exposed as an exaggeration. In fact the specialists at the universities and on the pulpits are in power over the Bible. It might be good that, from a protestant point of view, those specialists must face the church’s long exegetical tradition. Exegesis today is stuck in a hermeneutical crisis that questions the whole system of protestant theology. Can this crisis be outgrown in alliance with the systematic theology?


BERND JANOWSKI
Kanonhermeneutik. Eine problemgeschichtliche Skizze

Der Aufsatz skizziert nach Vorüberlegungen zum Begriff "Biblische Theologie" (I) Grundlinien einer Hermeneutik des biblischen Kanons vor dem Hintergrund der durch J.Ph. Gabler angestoßenen Perspektiven (II) und spitzt sie im Blick auf die Entstehung und Auslegung des Kanons (III) zu. Die "Kanonhermeneutik" versteht den Kanon als kohärentes Sinngefüge, das eine kontrastive Einheit darstellt und darum ein Spiegel der „Einheit Gottes“ in der Vielfalt seiner Äußerungen an Israel und die Völker ist.

After a short reflection about the term „biblical theology“ (I), the essay outlines essential features of a hermeneutic of the biblical canon according to the perspectives of J.Ph. Gabler (II). They are subsequently applied with a view to the formation and interpretation of the canon (III). In the „canonical hermeneutic“ the canon is understood as a coherent sense-unit that is a contrastive unit and by that a mirror of „god’s unity” within the diversity of his remarks on Israel and the peoples.


WINRICH LÖHR
Norm und Kontext. Kanonslisten in der Spätantike

Der Artikel analysiert verschiedene spätantike Kanonslisten und legt deren Ursprung und die Umstände ihrer Propagierung dar. Es wird deutlich, dass der biblische Kanon des spätantiken Christentums eine Mehrzahl von Funktionen erfüllte: U.a. normierte er die private Schriftlektüre und -meditation der Christen, er wurde als Bestandteil elitärer christlicher Bildung verstanden, er definierte Häresie und Orthodoxie, er half bei der inneren Integration der christlichen Ökumene der Spätantike. Die historische Reflexion über die Multifunktionalität des Kanons könnte auch eine schärfere Wahrnehmung der verschiedenen Kontexte ermöglichen, in denen in unserer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft Bibel und Kanon präsent sind.

The article analyses various lists of the biblical canon from the 4th and 5th centuries; their origins and the circumstances of their propagation are elucidated. This analysis shows how the biblical canon fulfilled a plurality of functions: It regulated the private scriptural meditation of Christians, it completed a properly Christian liberal education, it distinguished between orthodoxy and heresy, it integrated the diverse local/regional Christianities of late antique Christendom. The historical reflection on the plurality of contexts for the articulation of the biblical canon may help us to perceive more clearly the contemporary scene and the need to articulate the challenge of the biblical canon in Western multicultural and multireligious societies.


MICHAEL ROTH
Das Verhältnis von Glaube und Schrift. Überlegungen zu einer protestantischen Bestimmung der „Autorität“ der Schrift

Der Aufsatz zeigt, dass innerhalb des protestantischen Verständnisses von Glauben und Offenbarung die Schrift nicht verstanden werden kann als Träger und Gefäß der göttlichen Offenbarung, dem sich der Glaubende in Gehorsam zu unterwerfen hat. Sie ist vielmehr zu verstehen als Mittel in einem Erschließungsgeschehen, in dem das Subjekt seine eigene Existenz zu deuten und verstehen sucht.

My essay on the relationship between faith and Scripture demonstrates that within the Protestant understanding of faith and revelation, Scripture is not to be conceived of as a repository of divine revelation, to which the believer were to surrender himself or herself obediently. Rather, Scripture is to be conceived of as a medium for the occurrence of a disclosure, by means of which the individual seeks to interpret and to understand his or her existence.


WALTER SCHMITHALS
Der Kanon, die Apostolische Sukzession und die Ökumene

Der vorliegende Aufsatz zeigt, dass zwar der Kanon des Neuen Testaments als „apostolische“ Schriftensammlung bezeichnet werden kann, dass aber die „apostolische Sukzession“ die Bezeichnung „apostolische Norm“ zu Unrecht trägt.

This essay points out that the canon of the New Testament may with good reason be called an apostolic collection, but that it is wrong to use the term „apostolic norm“ for the apostolic succession.


JENS SCHRÖTER
Jesus und der Kanon. Die frühe Jesusüberlieferung im Kontext der Entstehung des neutestamentlichen Kanons.

Der Beitrag thematisiert die Frage nach dem Zusammenhang von Jesusüberlieferung und Entstehung des neutestamentlichen Kanons. Es lässt sich eine Entwicklung aufzeigen, die durch eine freie, lebendige Überlieferung gekennzeichnet war, zugleich aber auf die Übereinstimmung des Zeugnisses von Jesus mit der apostolischen Verkündigung achtete. Die Tendenz einer variablen, dem jeweiligen Verständnis angepassten Überlieferung setzt sich auch innerhalb der Textüberlieferung fort. Der „historische Jesus“ erweist sich angesichts dessen als eine von der vielfältigen frühchristlichen Überlieferung abstrahierende historisch-kritische Hypothese.

This article deals with the relationship of the early Jesus tradition and the origin of the New Testament canon. The Jesus tradition of the first centuries can be characterized as a free, living tradition. By the same time, the concurrence with the apostolic preaching was of central importance. The variability of the tradition, which could be accommodated to a particular interpretation, can be detected even in the textual transmission. The “historical Jesus” is, therefore, a hypothesis based on historical-critical research and reducing the complexity of early Christian texts.