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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

21. Jahrgang, Heft 2/2004

Religion und Gesellschaft


CHRISTINA-MARIA BAMMEL
Der Schambegriff als Kommentar zur Wirklichkeit des Menschen. Anthropologische Anmerkungen zu einem Phänomen des Fühlens in hamartiologischer Perspektive

Die Thematisierung der Scham als Grenz-, Norm- und Konfliktgefühl ist interdisziplinär ins Zentrum des Interesses gerückt. Menschen leben in einem 'Welttheater der Scham'. Eine theologische Interpretation des von Scham geprägten Lebens erweitert den allgemeinen Kenntnishorizont zur Funktion und zum Wirken der Scham. Der Beitrag bietet eine Auslegung der Scham in sündentheologischer Perspektive. Dabei werden Entwürfe von S. Kierkegaard und D. Bonhoeffer besonders berücksichtigt. Deren Interpretation zeigt: Gott ist nicht der impertinente Dauerbeobachter des Menschen ante faciem Dei, sondern in Christus der gute Garant dafür, dass Menschen als Sehende gesehen und als Gesehene sehend werden.

Thematizing shame as a feeling of limit, norm or conflict it urns into the centre of interdisciplinary interests of research. Human beings live in a 'world theater of shame'. A theological interpretation of a live shaped by shame widens the horizon of knowledge about function and effects of shame. The article offers an interpretation of shame in hamartiological perspective. Of special interest are the outlines by S. Kierkegaard and D. Bonhoeffer. Their approaches offer the following insight: God is not an impertinent observer of people ante faciem Dei. Instead, in Christ, God stands for the experience that humans are as seeing people seen ones and as seen ones their eyes get opened.


MARTIN HAILER
Dogmatische Erwägungen zum Begriff der Religion

Ist der moderne Religionsbegriff, verstanden als individuelles Innewerden der höchsten Realität, an sein Ende gekommen? Der Aufsatz geht kurz auf die Begründung dieses Religionsbegriffs bei Kant und Schleiermacher ein und diskutiert dann das Verhältnis von Religion und Glaube. Auch wenn dem Glauben theologisch der Primat zukommt, so ist Religion doch nicht ein obsoletes Thema, sondern aus heuristischen Gründen unverzichtbar.

The essay deals with the modern concept of religion, which is understood as an individual’s perception of an utmost reality. It briefly discusses its origin in Kant’s and Schleiermacher’s works and then compares it with the topic of faith. Though faith is theologically prior to religion, the latter theme is not to be omitted, as it is common for example in the Barthian tradition. Theology needs conceptions of religion for heuristic reasons.


KLAUS-PETER JÖRNS
Transzendenz im Städtebau

Aufgabe eines Pontifex (Bischofs) ist es, Brücken zu bauen: zwischen den Menschen und Gott, aber auch zwischen den Menschen untereinander. Auf beiden Wegen werden Grenzen überstiegen, geht es um Transzendenz. So hat sich in die Anlage alter Städte mit zum Himmel weisenden Kirchtürmen und sozialen Einrichtungen, die Starke und Schwache, Gesunde und Kranke verbinden, Transzendenz eingeprägt. Dasselbe gilt für Brücken, die Stadtteile verbinden. Sie verdeutlichen bei aller modernen Sehnsucht nach Geborgenheit im Eigenen, wie wichtig es ist, dass es Übergänge zu anderen Lebenswelten gibt: Man kann hinübergehen und zurückkommen, sieht die eigene Welt von außen. 'Wasserwelten' wie die Berlin-Brandenburgischen sollten ihre Brückenexistenz auch kulturell nutzen.

It is the task of a pontifex (bishop) to build bridges between human beings and God, but also between human beings themselves. Both roads have to cross borders, are related to transcendency. Thus transcendeny impressed itself on the construction of old towns with church towers pointing to the sky and social facilities which connect the strong and the weak, the healthy and the ill ones. That applies to bridges connecting town parts, too. They show - with all the modern longing for security in ones own property - the importance of passages to other worlds of life: One can go over and come back, has a look at ones own world from outside. 'Water worlds' like the ones of Berlin-Brandenburg should use their many bridges even culturally.


LIZE KRIEL
Tini’s Testimony. The Significance of a Meticulously Recorded Case of Sexual Abuse on a Transvaal Mission Station, 1888-1892

Anfang der 1890´ger Jahre fand auf der Berliner Missionsstation in Blauberg, im nördlichen Gebiet von Transvaal, ein Vorfall von angeblichem sexuellen Missbrauch auf Tini Fischer, ein 'Oorlams' Mädchen, statt. Das Ereignis wurde von mehreren Mitgliedern der Berliner Missionsgesellschaft exakt aufgezeichnet. Dieses Schriftstück möchte eine genaue Untersuchung von Tini´s Zeugnis sowie der darauffolgenden Reaktion des Beschuldigten vorlegen.

In the early 1890s the case of alleged sexual abuse of Tini Fischer, an 'Oorlams' girl of Blauberg, a Lutheran mission station in the northern Transvaal, was painstakingly recorded by several members of the Berlin Mission Society. This paper, hereby, proposes to conduct a close reading of Tini’s testimony as well as the subsequent response from the accused.


MICHAEL ROTH
Normative Ethik und weltanschaulicher Pluralismus. Bemerkungen zur ethischen Urteilsbildung in der offenen Gesellschaft im Anschluss an G. Ebeling und M. Honecker

Der Aufsatz geht der Frage nach, wie es in der Situation eines grundsätzlich unbeschränkten weltanschaulichen Pluralismus, in der eine Vielzahl von inhaltlich verschiedenen weltanschaulichen Orientierungen herrschen, zu einer gemeinsamen normativ-ethischen Urteilsbildung der Glieder der Gesellschaft kommen kann. Im Anschluss an die Überlegungen von Gerhard Ebeling und Martin Honecker wird die Humanität als integraler Bestandteil humaner Personalität gedeutet und die Konsequenzen für die normativ-ethische Urteilsbildung bedacht.

By acknowledging the fact that a pluralistic society will inevitably lead to a wide (in principle: unlimited) variety of general ideas, specific concepts and individual views concerning the nature of human life and the world, this essayraises the question how members of such a society are able to find a common ground for normative ethical judgments which can be regarded generally binding. Following Gerhard Ebeling and Martin Honecker, the author construes humaneness as a consistent element of our humanity and reflects on the subsequent implications with respect to normative ethical judgments.


WERNER THIEDE
Tabuisierung des Todes im 21. Jahrhundert? Überlegungen zu einem spätmodernen Kulturphänomen

Seit bald hundert Jahren haben Philosophie, Psychologie, Soziologie und Theologie eine verbreitete Tabuisierung des Todes in modernen Gesellschaften beobachtet und gewertet. Gibt es Anzeichen für ein Aufweichen dieses soziokulturell, religionspsychologisch und theologisch in der Tat höchst bedenkenswerten Phänomens im 21. Jahrhundert? Dafür spricht insgesamt wenig; christliche Theologie ist hier verstärkt herausgefordert.

For nearly 100 years philosophy, psychology, sociology, and theology have observed and documented a widespread taboo mentality with regard to death in modern society. Are there signs that in the 21st century this mentality is waning, a mentality which is quite significant with respect to socio- cultural, psychology of religion, and theological concerns? There are few indications in this direction. Therefore Christian theology is increasingly challenged to confront this mentality.


MICHAEL TROWITZSCH
Gott arbeitet - 'dass ihm die Haut raucht' (Martin Luther). Bemerkungen zu einer Metapher

Der Beitrag gehört in eine interdisziplinäre Vorlesungsreihe 'Welt der Arbeit - Arbeit in der Welt'. Inwiefern 'arbeitet' Gott selbst? In der Neuzeit muss von einem prinzipiellen Ungenügen die Rede sein: alles muss irgendwie noch verwirklicht werden. Luthers Metapher von dem 'arbeitenden' Gott meint demgegenüber seine 'Arbeit der Stellvertretung'.

The essay is part of an interdisciplinary lecture series 'World of Work - Work in the World' and discusses the question in which way God himself is 'working'. Modernity can arguably be characterized by the principle of insufficiency: everything somehow is still to be 'realized'. Contrary to modernity’s notion of work as 'realization', Luther’s metaphor of the 'working God' refers specifically and exclusively to God’s 'work of substitution' (Stellvertretung).


MICHAEL WERMKE
Verantwortung gegenüber der Geschichte. Christen und Auschwitz

Basierend auf der Geschichtstheologie des Alten Testamentes und den gedächtnissoziologischen Theorien von Maurice Halbwachs und Jan Assmann entwirft der Beitrag 'Verantwortung gegenüber der Geschichte: Christen und Auschwitz' Perspektiven einer Religionsdidaktik, die es als christliche Verpflichtung versteht, die Erinnerung an den Holocaust unter den Bedingungen der Postmoderne zur Geltung zu bringen.

Drawing on the Old Testament’s theology of history and on the sociology of memory as developed by M. Halbwachs and J. Assmann, the essay adumbrates the contours of a pedagogy of Christian education which regards as fundamental the Christian obligation to effectively remember the Holocaust also under the conditions of postmodernity.


VOLKER WEYMANN
Theologie und Naturwissenschaft in differenziertem und sachkritischem Dialog?

Angesichts von Kontroversen zwischen Theologie und Naturwissenschaft wird hier ein differenzierter und sachkritischer Dialog gefördert: in Auseinandersetzung mit Versuchen, Gott als metaphysisches Erklärungsprinzip oder Lückenbüßer ins Spiel zu bringen (A.). So wird entgegen einer Konkurrenz von Naturwissenschaft und Theologie ihr Verhältnis als Unterscheidung und Beziehung entwickelt (B.). Von da aus wird Rechenschaft gegeben, was der Glaube an Gott als Schöpfer, Versöhner, Vollender für die Wahrnehmung der Welt wie des Lebens ausmacht (C.).

Given the controversies between theology and science, a more acutely dialogue is preferred here: We discuss attempts to make god the metaphysical explanatory principle or go- between (A.). Then, rather than the adversarial position of science and theology, their relationship will be defined in terms both of what makes them different from one another and what draws them together (B.). Next we shall assess what difference reliance on god as creator, reconciler and the one who fulfills everything perfectly, makes our attitude to the world and to life (C.).