Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

21. Jahrgang, Heft 1/2004

Altes Testament


JAN CHRISTIAN GERTZ
Konstruierte Erinnerung. Alttestamentliche Historiographie im Spiegel von Archäologie und literarhistorischer Kritik am Fallbeispiel des salomonischen Königtums

Die alttestamentliche Beschreibung der frühen Geschichte des Volkes Israel wird zunehmend als konstruierte Erinnerung betrachtet, die in neuassyrischer Zeit eine neue Antwort auf die Frage nach Israels Herkunft bot und die so in der Folge traditionsbegründend geworden ist. Eine quellenkritische Analyse der Berichte zeigt, dass dasselbe auch für die alttestamentliche Schilderung des Salomonischen Königreiches gilt. Die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen in Palästina ergeben ein ähnliches Bild: Nach der so genannten „low chronology“ sind die Strata der Eisenzeit etwa 100 Jahre jünger als bisher vermutet. Selbst wenn man der traditionellen Datierung folgt, kann die unkritische Rezeption der alttestamentlichen Schilderung des Salomonischen Königreiches kaum aufrechterhalten werden, weder unter archäologischem, noch unter literaturgeschichtlichem Blickwinkel.

The Old Testament’s description concerning the early history of the Israelite people is increasingly considered to be a constructed memory, which – in neo-assyrian times – offered a new answer to the question about Israel’s origins, thus forming a tradition. An analysis of the relevant depictions using criticism of sources shows that the same applies to the Solomonic kingdom as portrayed in the Old Testament. The results from the archaeological examination of Palestine are similar: according to the so-called “low chronology”, the strata of the Iron Age are about 100 years younger than previously assumed. Of course, even following the traditional dating, the uncritical reading of the description of the Solomonic kingdom could hardly be sustained, neither from an archaeological point of view, nor relating to literary history.


UWE BECKER
Die Wiederentdeckung des Prophetenbuches. Tendenzen und Aufgaben der gegenwärtigen Prophetenforschung

Der forschungsgeschichtlich angelegte Beitrag zeichnet die wichtigsten Tendenzen der Prophetenforschung seit den 70er Jahren des 20. Jh.s in kritischer Diskussion nach. So ist in der gegenwärtigen Forschung zum einen eine allmähliche Abkehr vom „klassischen“ Prophetenbild Duhmscher Prägung und zum andern eine Hinwendung zum Prophetenbuch und seiner Entstehung erkennbar. Religionsgeschichtliche wie redaktionsgeschichtliche Argumente führen zu dem Schluss, dass deutlich unterschieden werden muss zwischen den historischen Propheten, die vorwiegend Teil der religiösen und staatlichen Institutionen gewesen sein dürften, und den literarischen Propheten, wie sie in den Büchern – zumeist als Gegenspieler der Könige – präsentiert werden. Hermeneutische Erwägungen zum Phänomen der Fortschreibung und der schriftgelehrten Prophetie zeigen die Besonderheit der Prophetenbücher auf.

The essay provides a review of major scholarly trends and tendencies in the research on the prophets since 1970. Here, it can be realised that the ‘classic’ picture of the prophet as advocated by D. Duhm and his followers is slowly replaced by a focus on the prophetic book and its literary origin. Insights from the history of religion and the results of literary-critical scholarship show that one has to distinguish between the historical prophet – who was most likely part of a religious and political institution – and the literary prophet whom we encounter – mostly in opposition to the royal authority – in the prophetic books. Some hermeneutical thoughts on the phenomenon of Fortschreibung and so called scribal prophecy elaborate on the distinct phenomenon of prophetic books.


HERMANN SPIECKERMANN
Der theologische Kosmos des Psalters

Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, den theologischen Kosmos des Psalters von Bildern des Bauens und Gründens her zu erschließen. Anhand der Texte Ps 93, 84 und 9–10 wird verdeutlicht, dass der Psalter von einer Architektur des Gotteslobes geprägt ist. Der im Tempel gegenwärtige Gottkönig läßt im Psalter die vielfältigen Gottesbeziehungen in der Welt zum Kosmos seiner Anbetung werden. Dies manifestiert sich in einem Kosmos theologischer Vorstellungen und zugleich in einem Kosmos absichtsvoll gesammelter Texte.

The contribution tries to disclose the theological cosmos of the Psalter. It investigates metaphors of building and founding in the hymns and prayers. Expounding Ps 93, 84 and 9–10, the impressive lines of the architecture of God’s praise come to the fore. The God-king being present in his temple determines on shaping the manifold relations towards God to become a cosmos of praying: as a whole of theological ideas and as a whole of deliberately collected texts.


JÜRGEN HENKYS
Dichtung – Übersetzung – Exegese. Über die Stimme Moses Mendelssohns in den Psalmliedern von Matthias Jorissen

Der auslegungsgeschichtlich wie hymnologisch orientierte Aufsatz gilt den literarischen und exegetischen Quellen, die sich M. Jorissen für seine z.T. noch heute gesungenen Psalmbereimungen (1798) dienstbar gemacht hat. Die vom Autor jüngst aufgestellte These, dass Jorissens auffälligste Quelle die Psalmenübersetzung von Moses Mendelssohn (1783) ist, wird am Beispiel von Psalm 12 erläutert. Verglichen werden neben M. Mendelssohn die schon von ihm selbst befragten Übersetzungen von J. A. Cramer, J. D. Michaelis und G. Chr. Knapp.

The paper deals with the literal and exegetical sources of M. Jorissen’s metrical psalter (1798), which partly up to now is used in German hymn books. According to my recent research Jorissen’s most important source was Moses Mendelssohn, Die Psalmen, Berlin 1783. This remarkable relationship is detailled by comparison of M. Jorissen’s metrical version of Psalm 12 with M. Mendelssohn’s German text and some translations and interpretations of his predecessors (J. A. Cramer, J. D. Michaelis, G. Chr. Knapp).


MATTHIAS KÖCKERT
Mit der Bibel nach Babel im Vorderasiatischen Museum Berlin

Der Beitrag zeigt an den charakteristischen Bildkonstellationen Wasser, Berg und Baum, angegriffener und beschützter Baum sowie König und Baum, wie Exponate des Vorderasiatischen Museums Berlin biblische Texte erhellen können. Gen 2-3 verbinden das Bild vom Gottesgarten mit dem Weltenbaum. Hi 26,10-13 u. a. nehmen die Tradition vom Kampf des Wettergottes mit den Chaosmächten auf. Dan 4 wendet die Verbindung von König und Baum königskritisch, während Sir 24 den König durch die Tora ersetzt.

The essay demonstrates in which way items from the collection from the Vorderasiatisches Museum in Berlin can illuminate biblical texts. This is done by using characteristic iconography such as water, mountain and tree as well as the combinations attacked and protected tree or King and Tree. Gen 2-3 combines the imagery of the divine garden with the tree of the world. Job 26:10-13 and other texts use the tradition of the combat between the storm-god and the forces of chaos. Dan 4 subverts the combination of king and tree into a critical perspective, while in Ben Sira 24 the king is replaced by the Torah.


PHILIP G. ZIEGLER
Justification and Justice. The Promising Problematique of Protestant Ethics in the Work of Paul L. Lehmann

Der amerikanische Theologe und Ethiker Paul L. Lehmann hatte es zu seinem Lebenswerk werden lassen, die formbildende Bedeutung sowohl des radikalen Urteils als auch der Vergebung aufs Neue zu entdecken, welche gemeinsam die göttliche Rechtfertigung des Sünders konstituieren. Die Untersuchung verschiedener Schlüsseltexte früher Arbeiten Lehmanns zeigt, wie die Wirklichkeit der Rechtfertigung direkt und kritisch die moralische Bemühung des Christen sowohl ermutigt als auch zugleich mäßigt. Lehmann vollzieht dies in einer Weise, die in Reinhold Niebuhrs, des großen Lehrer Lehmanns, einflussreicher theologischer Ethik freilich unerreichbar geblieben war.

It was the life’s work of the American theological ethicist Paul L. Lehmann to recover for Protestant ethics the formative importance of the radical judgment and forgiveness that constitute God’s justification of the sinner. Consideration of several key texts from the early stages of Lehmann’s efforts demonstrates how the reality of justification serves both to embolden, direct and, crucially, also to chasten Christian moral endeavour in ways unattainable in the influential theological ethics of Lehmann’s great teacher, Reinhold Niebuhr.