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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

19. Jahrgang, Heft 2/2002

Neues Testament


WILHELM PRATSCHER
Die Sündlosigkeit Jesu im Neuen Testament

Die Sündlosigkeit Jesu spielt im Neuen Testament trotz der seltenen expliziten Bezeugung eine große Rolle. Dabei ist zwischen Sündlosigkeit im Sinne des Nichtvorhandenseins von Einzelverfehlungen und im Sinne eines ganzheitlichen, dem Willen Gottes entsprechenden Lebensvollzuges zu unterscheiden. Obwohl auch der erstere fast überall vorausgesetzt ist, ist doch nur letzterer von grundlegender theologischer Bedeutung.

The sinlessness of Jesus is not often an explicit topic in the New Testament, but nevertheless it is playing an important role.There should be differentiated between sinlessness as non-existence of single failures and as a life with God in its entirety. Only in the latter sense sinlessness is of real theological significance.


PETR POKORNY
Dies Geheimnis ist groß. Eph 5,21 - 33: Theologische Vorrausetzungen und hermeneutische Folgen einer paränetischen Aussage. Ein Beitrag zur Begründung der christlichen Ethik

Das neue Element der "Haustafel ", wie sie in Eph 5,21 -33 präsentiert ist, besteht in der Aussage vom Geheimnis in Eph 5,32.In ihr wird das Wort aus Gen 2,24 auf Christus und die Kirche bezogen. In den neueren Kommentaren wird dies Wort vor allem auf das Geheimnis der Einheit zwischen Christus und Kirche bezogen. Doch der entscheidende Teil der Aussage ist offensichtlich der Satz aus Gen 2,24 (Eph 5,31a).Das Verlassen des väterlichen Hauses wird zum (Vor) Bild der Inkarnation des Heilands - einer Geschichte die Himmel und Erde verbindet (vgl. Phil 2,6 -11). Es entspricht der Theologie des Epheserbriefes. Nach Eph 4,9b wird der Abstieg Christi auf die Erde zur Voraussetzung seiner Erhöhung und Gründung der Kirche. - Die Inkarnation wird als moralische Entscheidung begriffen,die die christliche Ethik motiviert (vgl.II Kor 8,9).

The new element of the "household code " as presented in Eph 5:21 -33 is the statement on mystery from Eph 5:32.It relates the word from Gen 2:24 to Christ and to the Church. Most of the modern commentaries on Ephesians discuss the way unity between Christ and the Church. However the crucial statement is the first part of the sentence from Gen 2:24 (=Eph 5:31a). Leaving the father 's house is being interpreted as an image of the incarnation of the Savior -an event which joins heaven and earth (cf.Phil 2:6 -11). According to Eph 4:9b Christ 's descent to earth became a presumption for his subsequent ascension and the establishment of the Church.The incarnation is being conceived as an ethical decision motivating Christian moral behavior (cf.2 Cor 8:9).


MATTHIAS KLINGHARDT
Boot und Brot. Studien zur Komposition von Mk 3,7-8,21

Die Leitbegriffe "Boot" und "Brot" repräsentieren je eigene Erzähllinien und erweisen Mk 3,7 -8,21 als kohärente Einheit über die Hauptaspekte apostolischer Existenz (Mk 3,14:"mit ihm sein" und "Aussendung"). Durch die Kombination und gegenseitige Beeinflussung dieser Erzähllinien werden die Leitbegriffe mit zusätzlichen Bedeutungsaspekten konnotiert. Dieser Prozess kulminiert in dem differenzierten Dialog über die "vergessenen Brote" (8,13-21), dessen narrative Komplexität dem Problem frühchristlicher Heidenmission entspricht.

The leading metaphors "boat "and "bread " each represent story lines; they establish Mk 3,7 -8,21 as a coherent unit of the Markan narrative about major aspects of apostleship (Mk 3,14: "to be with him " and "to be sent out").The combination and mutual interpretation of these story lines increasingly connotes the leading metaphors with additional meaning. This process culminates in the sophisticated dialogue about the "forgotten loaves " (8,13 -21);its narrative complexity matches the problem of early Christian Gentile mission.


LUTZ DOERING
Schwerpunkte und Tendenzen der neueren Petrus-Forschung

Der Aufsatz informiert über einige Tendenzen, Probleme und neue Wege der jüngeren Petrus-Forschung. Es werden die Schwerpunkte neuerer Petrus-Bücher sowie Ergebnisse methodischer Neuansätze (v.a. Narrative Criticism ) vorgestellt. Ferner wird auf das heute vorherrschende Verständnis Petri als einer kirchlichen Einheitsgestalt hingewiesen, was aber nicht ausschließt, dass ein lokal und inhaltlich bestimmbares Interesse an Petrus – und in diesem Sinne eine „petrinische Tradition“ – angenommen werden kann.

This paper informs about some trends, problems, and new approaches in recent Peter research. Both the focal points of recent monographs on Peter and some results of synchronic approaches like narrative criticism are demonstrated. Further, the currently prevalent view of Peter as an ecclesiastical centrist is emphasized, which does, however, not preclude the possibility of a specific interest in Peter, thus, in this sense, a ’Petrine tradition’.


CHRISTFRIED BÖTTRICH
Petrus und Paulus in Antiochien (Gal 2,11-21)

Der Konflikt in Antiochien um die Tischgemeinschaft zwischen Juden und Nichtjuden bezeichnet eine Schaltstelle in der Geschichte der frühen Christenheit. Seine historische Offenheit spiegelt sich in der literarischen und theologischen Offenheit des Textsegmentes Gal 2,11–21 wider. Eine Unterscheidung von Beziehungs- und Sachebene sowie die Berücksichtigung von Erkenntnissen aus der modernen Konfliktforschung im Bereich der Sozialwissenschaften vermögen den Blick für das kreative Potential dieser Auseinandersetzung zu schärfen.

The conflict concerning table community among Jews and Non-Jews in Antiochia marks a turning point in the history of early Christianity.Its historical openness mirrors itself in the literary and theological openness of the text segment Gal 2,11 –21. A distinction between relational-and subject level as well as the insights of the modern conflict research in the field of social sciences taken into consideration enable us to look more clearly at the creative potential of this dispute.


KNUT BERNER
Vorzeitiges Begräbnis. Fängt das Leben mit dem Tode an?

Der Aufsatz beschäftigt sich mit der Bedeutung von Todesantizipationen in modernen Gesellschaftssystemen und thematisiert einige diesbezüglich relevante normative Implikationen und Steuerungsmechanismen. Entfaltet wird die These, dass Lebens- und Todesverständnisse in ihrer Reziprozität bedacht werden müssen, wofür die Orientierung an der Kreuzestheologie hermeneutische Impulse bereitstellt. Für die Ethik wird als Aufgabe formuliert, sich mit den Chancen und Risiken medialer Todesinszenierungen künftig stärker zu beschäftigen und kritische Vorbehalte gegen überzogene Vorstellungen von einem Sterben in Würde und einer Verantwortung des Menschen für die Gestaltung seines Todes zu formulieren.

The article deals with the relevance of anticipations of death in modern systems of society. It makes relevant normative implications and mechanisms of control a subject of discussion. The unfolded argument is that the understanding of life and death has to be considered in its reciprocity. The theology of the cross provides the hermeneutical impulses. The task of ethics is to focus more detailed the chances and risks of media productions of death. Moreover there is the need to formulate critical reservations against exaggerated images of human dying in dignity and a human responsibility for the shaping of the own death.


MARTIN KUMLEHN
Religion - "Lichtkern aller Bildung". Erwägungen zur kulturellen Bedeutung des Religionsunterrichts im Anschluss an Ernst Troeltsch

Eine der Folgen der deutschen Wiedervereinigung ist die anhaltende Debatte um den schulischen Religionsunterricht, insbesondere im Blick auf die Situation in Ostdeutschland, wo durchschnittlich weniger als dreißig Prozent der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Kirche sind. Angesichts des Bedeutungsschwundes der Kirchen, des Anwachsens nichtchristlicher Religionspraktiken sowie der zunehmenden Marginalisierung von Religion überhaupt erhebt sich die Frage, welche Rolle der Religionsunterricht im Rahmen schulischer Erziehung zukünftig spielen soll. Um diese Frage zu beantworten, kommt man nicht umhin, das intrikate Verhältnis von Staat, Kirche und Religion genauer ins Auge zu fassen. In diesem Aufsatz geschieht dies, indem Ernst Troeltschs, in einer vergleichbaren geschichtlichen Umbruchssituation angestellten Überlegungen zum Religionsunterricht dargestellt und auf ihre Bedeutung zur Klärung der gestellten Frage hin diskutiert werden. Dabei zeigt sich, dass nicht nur religiöse, sondern auch ethisch-moralische Orientierungen stets Letztbegründungsfragen aufwerfen, die im Horizont bestimmter Weltanschauungen, philosophischer Interpretationen oder religiöser Symbolisierungen bearbeitet werden. Der Verfasser macht deutlich, dass das Plädoyer für den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in erster Linie nicht auf gesellschaftlichen Nützlichkeitserwägungen, sondern auf der Einsicht basieren sollte, dass Religion ein eigenständiger Bereich humaner Kulturpraxis und als solcher ein wertvoller Gegenstand schulischer Bildungsanstrengungen ist.

One of the results of German reunification is the continuing discussion about religious education, particularly in regard to Eastern Germany, where fewer than thirty percent of the population are members of Christian churches. The decreasing significance of the churches as well as the visible increase in non-Christian religions raise the question whether religious education will continue to exist as a culturally significant part of liberal education and if so in what form. This question certainly could not be answered without analyzing the intricate relationship between the state, the church, and religion. This article is intended to illuminate this relationship by recalling Ernst Troeltsch 's reflections on what he regarded as the indispensable separation between the state and the church. It comes out, that in Troeltsch 's perspective not only religious interests but also ethical mediation efforts always raise questions of final reasons, which will have to be dealt with the help of a certain Weltanschauung , a metaphysical-philosophical interpretation or religious symbolization. At the end, the authors points out, that pleading for Religious Education at school should be based on the fact that religion is an independent area of human cultural practice, and not on the utility principle in reference to the state and society.


RICHARD SCHRÖDER
Die Forschung an embryonalen Stammzellen. Argumentationstypen und ihre Voraussetzungen

Bei der Stammzellenforschung und der Präimplantationsdiagnostik (PID)werden Embryonen vernichtet, die nicht zur Schwangerschaft gelangen. Widerspricht das dem Instrumentalisierungsverbot? Das Deutungsmuster "das Ding und seine Eigenschaften "kann den Status dieser Embryonen nicht angemessen klären. Jeder von uns war einmal eine befruchtete Eizelle, aber nicht jede befruchtete Eizelle wird einer von uns. Dem entspricht am besten ein Konzept, das den Schutzgrad des werdenden menschlichen Lebens mit Beginn der Schwangerschaft verstärkt. Dies entspricht auch unserer Intuition, weil wir Grade der Trauer unterscheiden. Und es entspricht unserem Sprachgebrauch, weil wir jene mikroskopischen Gebilde nicht konsequent als Mitmenschen ansprechen können, sondern nur als werdende Menschen -wenn sie bis zur Geburt gelangen können. PID sollte auf die Fälle schwerster Erbkrankheiten beschränkt und genehmigungspflichtig sein. Da diese Unterscheidungen gut nachvollziehbar sind, ist nicht zu befürchten, dass ein "Dammbruch " das Instrumentalisierungsverbot vernichtet oder zur positiven Eugenik führt, deren Möglichkeiten (Designer-Baby)in der Öffentlichkeit ohnehin weit überschätzt werden.

Through application of preimplantation diagnostics (PID) and stem cell research embryos are extinguished which do not reach pregnancy. Does this stand against the prohibition to instrumentalize each other? The pattern interpretation "the thing and its attributes " cannot appropriately explain the status of the embryo. Each of us once was a fertilized egg cell but not every egg cell becomes one of us. This corresponds at best to a concept that strengthens the level of protection for the human live coming into being with the beginning of pregnancy. It as well corresponds to our intuition since we also make distinctions of levels of grief. And it corresponds to our use of language because we cannot consequently name those microscopic structures as fellow men but only as humans coming into being -in case they reach birth. PID should be limited to the cases of the worst hereditary diseases and it should be subject to authorization. Since such distinctions are plausible we do not have to be afraid that a "slippery slope " destroys the prohibition to instrumentalize the other or leads to positive eugenics. In the public its opportunities (desginer-baby) are by far often overestimated.