Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

18. Jahrgang, Heft 1/2001

THEODIZEE


JAMES ALFRED LOADER
Zum Preis der Rechtfertigung Gottes im Alten Testament

Die alttestamentliche Verteidigung der göttlichen Gerechtigkeit auf Kosten menschlicher Ehre sowie Alternativen dazu werden untersucht. Das Ergebnis ist, dass Hiob und Kohelet die Theodizee gegenüber den klassischen „Theodizee-Psalmen“ ablehnen, indem Hiobs Widerstand nicht durch seine Unterwerfung entkräftet wird, da auch Gott einlenken muss. Obwohl jeweils völlig unterschiedlich, behalten beide die Spannung zwischen Erkenntnisbedarf und der Unmöglichkeit eines kohärenten Systems.

Both the defence of divine justice at the expense of human honour and its alternatives are examined as they occur in the Old Testament. It is concluded that the Books of Job and Qohelet, as opposed to classic ‘theodicy Psalms’, reject theodicy, the argument being that Job’s defiance is not cancelled by abject submission, since God too has to concede. Albeit in entirely different ways, both books maintain in unresolved tension the need to understand as well as the impossibility of a coherent system.


REINHARD FELDMEIER
Theodizee? Biblische Überlegungen zu einem unbiblischen Unterfangen

Aufgrund der Aporien der Vernunft, diese Welt als sinnvolles Ganzes zu begreifen (Kant), versucht die Theodizee, den Gottesbegriff von der Kontamination durch das Böse zu entlasten. Im Gegensatz dazu konfrontieren die Beter der Bibel ihren Gott in Klage und Anklage mit ihrem Leid. Indem sie so nicht über, sondern mit Gott reden, kann sich erneut Begegnung mit dem fernen Gott ereignen; dem bedrängten Leben wird eine neue Perspektive eröffnet. In diesem Sinn ist das Kreuz als die Überwindung der Gottesfinsternis durch Gott selbst und so als theologische Antwort auf die existentielle Frage nach Gott im Leiden auszulegen.

The difficulties of human reason to understand this world as an entire and consistent whole provoke the philosophical theodicy, which attempts to discharge the concept of god from the contamination of evil. The biblical prayers, in contrast, confront god with suffering. Thus not talking about god but with him they stay in contact with him, even if they contradict him and accuse him. The suffering and temptation of Christ, which is vital to the gospel, hints to the presence of god in the darkness of this world. The symbol of the cross is to be interpreted as a sign of hope, that the evil is finally overcome by god himself.


JÜRGEN WERBICK
Der Glaube an den allmächtigen Gott und die Krise des Bittgebets

Es werden im Blick auf das Bitt- und Klagegebet zwei Fragerichtungen unterschieden: die Frage, wann Gott endlich rettend eingreife und die nach dem Warum. Die erste Fragerichtung zwingt zu einer Präzisierung des Redens vom Eingreifen Gottes; die zweite verlangt nach einer theologischen Rechenschaft darüber, welche theologische Präzisierung der Allmachtsgedanke angesichts der Theodizee-Frage erfahren muss.

When will God finally intervene as the Saviour? Why is creation characterized by suffering in such a way? The first question demands an exact definition of what is meant by God’s intervention; the second requires a theological reflection on the topic in how far the idea of an almighty God can be upheld when considering the question of theodicy.


DIRK EVERS
Gott, der Schöpfer, und die Übel der Evolution

Der Beitrag setzt sich mit der Relevanz des Leidens, des Bösen und des Todes innerhalb der Ordnung der Evolution auseinander. Es wird eine entsprechende theologische Perspektive entfaltet, welche sich bemüht, einerseits Ursprung und Entwicklung der Schöpfung – auch mit ihren dunklen Seiten – und Gottes Schöpferkraft andererseits miteinander zu verbinden, um auf dieser Grundlage Konsequenzen menschlichen moralischen Handelns ausloten zu können.

The article describes the relevance of suffering, evil and death within an evolutionary framework. It then develops a theological perspective on the matter, relating the origin and development of creation – even with its dark sides – with God’s creativity and exploring the consequences for our understanding of human moral agency.


KNUT BERNER
Neues vom Bösen. Die Epigenese des Gemeinen und die Bedeutung der Theodizeefrage

Der Aufsatz geht von der Entwicklungsfähigkeit des Bösen aus und fragt nach seinen zukünftigen Gestalten. Das Böse wird als das Gemeine fokussiert, das in doppelter Weise von sich selber ablenkt: Einerseits erzeugt es bei Tätern und Zuschauern Gefallen, andererseits verflüchtigt es sich ins Anonyme und erscheint zivilisierter. Die Theodizeefrage hält die Hoffnung auf eschatologische Überwindung des sich nach wie vor entwickelnden Bösen wach.

The article describes the development of evil and searches for its future figurations. It points out two nasty aspects of evil: the mutation of obscene hedonism for the members, who take part in it, and the epistemological problem, that evil expressions became more and more civilized. Both aspects are important for the eschatological hope, which is included in the Question of Theodicy.


ULF LIEDKE
Das Adam-Projekt. Eine theologische Replik auf Peter Sloterdijks Elmauer Brief

In seinem Vortrag Regeln für den Menschenpark hat Peter Sloterdijk das Scheitern des Humanismus als Schule der Menschenzähmung behauptet und zugleich eine biotechnische Alternative beschrieben, die bis zur Frage einer gentechnischen Reform der Gattungseigenschaften führt. Der vorliegende Beitrag setzt sich aus theologischer Perspektive mit diesem Thema auseinander. Aus der biblischen Tradition ergeben sich Argumente, die eine gentechnische Modellierbarkeit des Menschen abweisen und ein alternatives Verständnis des neuen Menschen vorschlagen, das aus der Begegnung mit dem Evangelium von Jesus Christus erwächst.

In his lecture Regeln für den Menschenpark Peter Sloterdijk pronounced that humanism as a school of human taming had been failed and described a biotechnological alternative which raises the question to reform the nature of the human genus by genetic engineering. The article at issue considers that topic from a theological angle. Arguments are resulting from the biblical tradition rejecting a genetic mouldability of human beings and are suggesting an alternative perception of the new self, which is arising from the familiarity with the gospel of Jesus Christ.


PETER ROHS
Die Stimmigkeit des Gottesbegriffes in der Theodizeefrage. Kritische Anmerkungen zu "Angeklagt: Gott" (Tübingen 1997) von Bernward Gesang

Gesang möchte vom Leiden in der Welt auf die Wahrheit des Atheismus schließen. Gegen seine Argumente soll mit Hilfe einer Differenzierung im Begriff der Allmacht die Konsistenz des Theismus verteidigt werden.

Gesang wants to infer the truth of atheism from the suffering in the world. Against this inference, the consistency of theism is defended by recourse to a differenciated concept of omnipotence.


EBERHARD HAUSCHILDT
Vom Umgang mit dem Leiden. Plädoyer für die Normalität des Unbewältigbaren

Auf biographischem Hintergrund will der Autor drei gängige Ansichten christlichen Umgangs mit dem Leiden als Legenden entlarven: 1. Christen können Leiden bewältigen. 2. Man darf als Christ die Warum-Frage nicht stellen. 3. Die angemessene Begegnung mit Leiden und Sterben ist die Konzentration auf die letzten Fragen. Vielmehr so die These ist Leiden unbewältigbar, aber endlich.

From autobiographical experience, the author sets out to discharge three common Christian convictions about how to handle suffering as mere legends: 1. Christians are able to conquer suffering. 2. Christians should not ask the question why. 3. In dealing with suffering and dying people, a concentration on the final questions is adequate. Rather: Suffering is unconquerable, yet finite.