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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

17. Jahrgang, Heft 1/2000

Systematische Theologie


HANS G. ULRICH
Rechtfertigung und Ethik

Es ist Konsens innerhalb einer christlichen Ethik, menschliches Verhalten in Gottes Geschenk an den Menschen, allem voran in seinem Rechtfertigungshandeln, gegründet zu sehen. Eine Ethik christlichen Lebens folgt der Unterscheidung zwischen Indikativ und Imperativ. In diesem Aufsatz wird argumentiert, daß ein solch allgemeines Modell genau dort zu kurz greift, wo Gottes eigenes Tun in einer chrislichen Ethik präsent werden muß. Es genügt nicht, zu behaupten, daß menschliches Verhalten in Gottes Tun wurzelt. Vielmehr gilt es, sein Wirken zur Entfaltung kommen zu lassen, das menschliches Leben im Rahmen aller Aktivitäten transformiert. Gottes Wirken kann nicht einfach nur als gegebener Grund menschlicher Existenz gesehen werden, sondern ist als ihre dramatische eschatologische Veränderung zu verstehen.

In Christian ethics it is a common place to consider human behaviour and deeds as grounded in what is granted by God first of all in his justification. Ethical account of christian life follows the distinction beween indicative and imperative. This essay argues that this common model fails to let God’s work be present within christian ethics. It is not enough to maintain that behaviour and deeds are rooted in God’s work rather it is essential to unfold God’s work which transforms human life within all human activities. God’s work is not only to be seen as the given ground for human existence but as its dramatic eschatological change. Christian ethics can not only refer to God as its basic ground but has to describe the presence of his work in human life. Christian ethics in this sense has to be understood as an ethics of sanctification.


MICHAEL BEINTKER
Schulderinnerung als gesellschaftliches Projekt. Einige Erwägungen zur Forderung nach Aufarbeitung der Vergangenheit

Angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus hat die Forderung nach Aufarbeitung der Vergangenheit ein hohes Gewicht erlangt. Nach dem Ende des Kommunismus trat ihre Dringlichkeit erneut hervor. Aufarbeitung von schuldbelasteter Vergangenheit realisiert sich auf mehreren Ebenen (juristisch, politisch, mental). Zentral ist die Aufgabe, Erinnerungen wachzuhalten und daraus Einsichten zu gewinnen. Die Forderung nach Aufarbeitung darf nicht mit Erwartungen überlastet werden, die nicht einlösbar sind. Schuldeinsicht setzt ein Klima der Barmherzigkeit und Vergebung voraus und wird durch Ungeduld gefährdet. Geschichtswissenschaft kann in diesem Horizont als Pathologie der Zeit und der Zeiten verstanden werden, die die Lebenden dazu anleitet, ihre geistigen und sittlichen Orientierungen im Spiegel der Vergangenheit zu prüfen, damit sie ihre Gegenwart nicht verfehlen. Sie muß dabei ihre Interessen kritisch reflektieren und die sich aus dem Moralismus rasch entwickelnden Ideologisierungen beachten. Wer das Licht der Osterverheißung über den Gräbern der Vergangenheit wahrnimmt, kann dann mit C. Edvardson sagen: "Die Vergangenheit ist unserer Barmherzigkeit ausgeliefert."

Facing the crimes of National Socialism the challenge to come to terms with the past has become a crucial issue. The end of Communism has reinforced the urgency of this challenge. Coming to terms with an ethically problematic past takes place at several levels (jurisdictional/legal, political, mental). A central challenge is to keep memory alive and thereby to gain appropriate insights. However, the demand for constructive forms of remembrance should not be overloaded with expectations that are impossible to meet. The acceptance of guilt or responsibilty requires an atmosphere of mercy and forgiveness, and is threatened by impatience. In this context historical research can be seen as a form of 'pathology inquiry' into time and the past, providing mental and moral orientation for the present generation of humans; reflection about the past may be an important aspect of tackling the challenges of the present. Such historical research must always be critically assess its own interests and beware of a drift towards becoming ideological grounded in a certain kind of moralism. The one who sees the light of the Promise of Easter above the graves of the past can conclude, following C. Edvardson: "The Past is at our mercy."


EBERHARD BUSCH
Das Bekenntnis zu Jesus Christus, mit dem die Kirche steht und fällt


Forum


HERMANN DEUSER
Was macht die Theologie systematisch?

Der Begriff des Systematischen läßt sich auf der Basis einer kategorialen Semiotik so bestimmen, daß die Idee der Architektonik der Wissenschaften verbunden wird mit der kritischen Methodik der Einzelwissenschaften in ihrem (gemeinsamen) Entwicklungszusammenhang. Religionsphilosophie und Theologie entsprechen diesem Aufroß in unterschiedlicher, aber strukturell sich überschneidender Systematik: (1) Die notwendig existentielle Basiserfahrung, auf die sich religionsphilosophisches wie theologisches Denken bezieht, wird deskriptiv bzw. normativ vorausgesetzt. (2) Die Vermittlung zwischen Theorie und Praxis solcher Erfahrungswerte geschieht platzanweisend-kritisch im Konzept jeweiliger Philosophien, und sie ist für die theologische Dogmatik normierend im Kontext des Christentums. (3) Die Vermittlung des unmittelbaren (abduktiver Schluß, Gewißheitsbildung, religiöser Glaube) gibt das strukturell gemeinsame Muster in Überschneidung, weil die existentielle Situation nicht aus Lehrsätzen abgeleitet wird, sondern umgekehrt diese auf die ursprüngliche Ermöglichung von Erfahrung reagieren. Die kosmologische Tradition amerikanischer Religionsphilosophie zeigt, daß eine erfahrungsintensive Systematik religionstheoretisch wie theologisch auf hohem Niveau durchführbar ist.

What makes theology make systematic theology? On the basis of categorial semiotics, the concept of systematic may be defined in such a way that the idea of a general architecture of the various academic disciplines is combined with a critical survey of their methods. Philosophy of religion and theology both meet this concept of systematic: each in ist own way, but with fundam,ental features overlappimg. 1) Philosophy of religion as well as theology assume some basic religious experience to which thea refer either descriptivelyor normatively. 2.) The critical mediation of this experience between theory and practice occurs within an actual philosophical and theological context. 3.) The mediation of the experienced Immediate (abductive conclusions, formation of certainty, religious faith) provides the common structure of those overlaps, because experience is not derived from doctrines but doctrines are the reaction to experience. The cosmological tradition inherent in American philosophy shows that a systematic saturated with practical experience can be developed for theology and ohilosophy of religion on a high theoretical level.


JOACHIM TRACK
Pluralismus aus Glauben? Überlegungen zur gegenwärtigen Debatte um den Pluralismus in Theologie und Kirche

Pluralismus ist zur umfassenden Deutungskategorie von Gesellschaft und Kirche geworden. Doch die Moderne ist nicht nur durch den Pluralismus als kulturelles, politisches, wirtschaftliches Phänomen, sondern ebenso grundlegend durch die Tendenz zur Vereinheitlichung in theorie und Praxis bestimmt. Entscheidend ist, wie das Verhältnis beider bestimmt und "geregelt" wird. Das gilt auch für den Pluralismus als internes und externes Problem von Kirche. Gegenüber allen Versuchen eines "unizentrischen Pluralismus", einer unkritischen "Multiperpektivität" wird für einen verfahrensorientierten, die anderen Perspektiven achtenden, lernfähigen und streitbaren Umgang mit dem Pluralismus plädiert.

Pluralism has become the comprehensive category to explain society and church. Modernity is not only determined by pluralism as cultural, political and economical phenomenon, but also the tendency to standardize in theoretical and practical realm. It is decisive how the relation between both is determined and "regulated". This is also true for the pluralism as an internal and external problem of church. It is plead to deal with pluralism, that is orientated on procedures, that takes care of other perspektives and that is able to learn and to argue. This way of dealing rejects all attempts of an "unicentric pluralism" or of a non critical "multiperspectivity".


VOLKER STÜMKE
Sind wir einer asketischen Weltkultur näher gekommen?

Der Aufsatz analysiert gegenwärtige Formen von Askese auf dem Hintergrund der Frage C.F. von Weizsäckers von 1978, ob wir einer asketischen Weltkultur entgegengingen. Diese Frage wird verneint; Askese wird derzeit vielmehr funktionalisiert - und darin manifestiert sich die Sündenverstrickung des Menschen, der Askese nicht zur Bewahrung der Freiheit, sondern zur Festigung gegenwärtiger Zustände einsetzt.

In this essay current patterns of asceticism are analysed with reference to C.F. von Weizsäcker’s question, whether mankind is facing a world-wide civilization of ascetic ideology. This question will be answered in the negative; asceticism, nowadays, serves functionalism - and therein the sinfulness of mankind becomes manifest, as asceticism is not used to preserve freedom, but to fortify present conditions.


Theologie in biographischem Kontext


CATHERINA WENZEL
Endzeit, Wendezeit, Neue Zeit. Religiöse Deutungen der Geschichte im 20. Jahrhundert am Beispiel der Liselotte Richter

Einige Texte und die dazugehörenden biographischen Daten der Liselotte Richter lassen sich den Begriffen Endzeit, Wendezeit oder Neue Zeit zuordnen. Es läßt sich daran gut erkennen, daß das metaphysische Grundproblem der Geschichte sowohl an der jeweiligen historischen Situation als auch an einem entsprechenden Verhältnis gegensätzlicher Zeitbegriffe, dem der linearen Zukunftgerichtetheit und dem des zyklischen Verlaufs hängen. Wir finden hier ein Beispiel dafür, wie im 20. Jahrhundert das Interesse an der Zyklentheorie zurückkehrt und dazu beiträgt, Subjektivität und Geschichte zu deuten.

Some of the texts and the corresponding data of Liselotte Richter can assigned to the concepts of last days, turning-point of history or new time. This enables us to recognize that the metaphysical basic problem of history is depending on both the respective historical situation and the corresponding relationship of opposite conceptions of time, namely the linear course towards the future and the cyclical course. We find here an exemple of how, in the 20th century, the interest in the theory of cycle has returned and is a contribution to anderstand subjetivity and historical events.