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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

16. Jahrgang, Heft 1/1999

Neues Testament


JENS SCHRÖTER
Religionsgeschichte des Urchristentums statt Theologie des Neuen Testaments? Begründungsprobleme in der neutestamentlichen Wissenschaft

Angesichts der Entwicklungen in Erkenntnistheorie und Sprachwissenschaft erscheint es notwendig, die Voraussetzungen der neutestamentlichen Wissenschaft neu zu überdenken. In bezug auf die Frage nach einer Theologie des Neuen Testaments rückt dabei der Kanon als ein Interpretationsspektrum konstituierendes und somit Identität stiftendes Instrument neu in den Blick. Die Aufgabe einer Theologie des Neuen Testamentes besteht darin, das in den kanonischen Schriften ausgedrückte Handeln Gottes in Jesus Christus unter den je aktuellen Verstehensbedingungen neu zur Sprache zu bringen. Es handelt sich somit um einen kreativen, Kohärenz herstellenden Vorgang. Dieser kann durch eine Religionsgeschichte des Urchristentums nicht ersetzt werden.

Regarding recent developments in both theory of knowledge and linguistics it seems necessary to re-examine the presuppositions of New Testament exegesis. The question of a New Testament Theology is placed in a new light by virtue of the Canon, which is an instrument that constitutes and shapes the range of justifiable interpretations as well as the identita of the Christian community. The task of a Theology of the New Testament is to express God’s activity in Jesus Christ accordimg to the prevailing circumstances of comprehension and therefore should be regarded as a creative procedure which produces coherence among the canonical writings. The endeavour to develop such a conherence cannot be replaced by a history of religions approach to the early Christianity.


UDO SCHNELLE
Ein neuer Blick. Tendenzen gegenwärtiger Johannesforschung

Die Johannesforschung befindet sich in einer grundlegenden Wende. Die Literarkritik bildet nicht mehr den grundlegenden methodischen Zugang, sondern der Jetzttext des Evangeliums wird als literarisch wie theologisch höchst anspruchsvolles Werk ernstgenommen. Inhaltlich unterscheidet sich das Johannesevangelium von den späteren gnostischen Anschauungen durch die Betonung der Inkarnations-, Kreuzes- und Erhöhungschristologie. Diese christologische Konzentration führt aber nicht zu einer Aufhebung der Zeit, vielmehr muß der vergewissernde Ausblick auf die Parusie als grundlegende eschatologische Konzeption des 4. Evangeliums angesehen werden.

There is a fundamental shift in Johannine exegesis. Source criticism is no longer the basic methological approach to the Johannine text. Instead, scholars take the entire text of the Gospel seriously as a literary and theological ambitious work. The Gospel of John differs in its contents from later gnostic views by emphazising a Christology of incarnation, crucification, and glorification. This christological concentration does not lead to an abolition of time. However, the ensuring outlook to the parousia forms the basic eschatological conception of the Fourth Gospel.


WERNER VOGLER
Johannes als Kritiker der synoptischen Tradition

Sieben bekannte Unterschiede zwischen dem Johannesevangelium und der synoptischen Tradition werden auf die Frage untersucht: Sind diese (nur) in der theologischen Konzeption des 4. Evangelisten begründet, oder gibt es Hinweise, daß Johannes durch sie gleichzeitig die Synoptiker kritisiert? Im Anschluß daran wird die Frage nach Motiven der johanneischen Kritik an der synoptischen Überlieferung gestellt.

Seven wellknown differences between the Gospel of John and the Synoptic Tradition are investigated for the question: Are they (only) founded in the theological conception of the fourth evangelist or exist indications, that John has criticized the Synoptic Gospels at the same time? Behind that is asked for the motifs of Johns criticism of the Synoptic Tradition.


CHRISTFRIED BÖTTRICH
Die neutestamentliche Rede von Gott im Spiegel der Gottesprädikationen

Die Rede von Gott begegnet im NT in vielfältiger Gestalt. Besonders charakteristischen Ausdruck findet sie in den zahlreichen Prädikationen, die einen unmittelbaren Zugang zu durchaus verschiedenen Gottesbildern ermöglichen. Dabei läßt sich an dem Gebrauch von Gottesprädikationen sowohl das Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität gegenüber der atl. Tradition als auch das Verhältnis von Theo-logie und Christologie im Rahmen urchristlicher Bekenntnisbildung in seinen verschiedenen Aspekten ablesen. Der vorliegende Beitrag stellt den Versuch dar, ein Gesamtbild der ntl. Rede von Gott im Spiegel der Gottesprädikationen zu skizzieren.

Speaking about God happens in the NT in various forms. Specially charakteristic are the numerous designations or epithets which offer an immediate access to different concepts of God. A carefull study of these epithets may help to clear the relation between continuity and discontinuity towards the tradition of the OT as well as the relation between Theo-logie and Christology in the context of a formation of creed in early Christianity concerning different aspects. This paper trys to draw a picture of the NT’s speaking about God in the mirror of God’s epithts at all.


ECKART REINMUTH
Diskurse und Texte. Überlegungen zur Theologie des Neuen Testaments nach der Moderne

Der Versuch, als Neutestamentler einige Anstöße ,postmodernen‘ Denkens aufzunehmen, führt zu neuen Fragestellungen, unter denen die Lektüre neutestamentlicher Texte theologisch zu verantworten und theologische Reflexion auf dieses Texte zu beziehen ist.

Postmodern thought, insofar a New Testament scholar it takes in consideration, leads to new questions about the theological responsibility for the lecture of New Testament texts and about the reference of theological reflection to these texts.


Weitere Einzeldarstellungen zur Ethik


NOTGER SLENCZKA
Die unvermeidbare Schuld. Der Normenkonflikt in der christlichen Ethik. Deutung einer Passage aus Bonhoeffers Ethik-Fragmenten

Der Aufsatz unternimmt es, ein Fragment der Bonhoefferschen Ethik (Die Geschichte und das Gute, 1943) als Auseinandersetzung mit dem Problem des ,ethischen Konfliktes‘ zu lesen, einer Situation also, die den Handelnden im Konflikt von Normen oder Pflichten unvermeidlich in Schuld geraten läßt. Der Text wird auf dem Hintergrund der biographischen Situation Bonhoeffers, seiner Teilnahme an den Plänen zur Beseitigung Hitlers und des nationalsozialistischen Regimes, faßbar als Versuch der Rechtfertigung dieser Option, die Bonhoeffer im Rahmen des Entwurfes einer christlichen Verantwortungsethik als Gestalt der Nachfolge Christi bestimmt, in der der Christ in wie Christus selbst nur so sündlos ist, daß er im Handeln für andere Schuld auf sich lädt. Der Text Bonhoeffers ist insbesondere dadurch interessant, daß er die Gefahren des Gedankens des bewußt schuldig werdenden Handelns sieht und theologisch verantwortlich zu begrenzen sucht.

Dietrich Bonhoeffer’s participating in the plans to eliminate Hitler and his regime is the implicit background of a Christian ,Verantwortungsethik‘ sketched in one of the fragments of Bonhoeffer’s ,Ethics‘ (Die Geschichte und das Gute, 1943). In the present essay this fragment is interpreted as an analysis of the ,ethical conflict‘, i.e. conflicting ethical claims inevitably leading an actor to guilt. It is shown that Bonhoeffer sketches an ethics of Christian political responsibility taking into account the possibility that to take on guilt for the sake of a community - e.g. by eliminating Hitler and other members of government - is a form of imitation of Christ who was free of sin only by taking upon himself the sin of mankind. The essay tries to work out the ethical implications of this position and the theological limits drawn by Bonhoeffer himself.


Visitation


WALTER MOSTERT
Meditation über Philipper 4,4-7

Die realexistierende Herrschaft der Sorge und der deshalb notwendige Aufruf zur Freude: In der eindringlichen Auslegung der beiden Imperative "Sorget nicht" und "Freuet euch" (Phil 4,4-7) werden fundamentaltheologische Sachverhalte wie Unterscheidungen Gesetz und Evangelium, Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis, Sünde und Gnade anschaulich und so dargelegt, daß der Leser sich als involvierten Angesprochenen erfährt.

The real existing power of worry makes necessary the call for joy. In the interpretation of both claims "don’t worry" and "rejoice" (Phil 4,4-7) were clearly explained important theological points like the differentations of law and gospel, self-knowledge and God-knowledge, sin and grace, that the reader feels himself involved.


Literaturbericht zu Abraham


PETER MÜLLER
Unser Vater Abraham. Die Abrahamrezeption im Neuen Testament - im Spiegel der neueren Literatur

Die Wendung "unser Vater Abraham" hat von Anfang an exkludierende Tendenzen bei sich gehabt. Dies ist nicht verwunderlich, da alle, die auf Abraham als Vater verweisen, sich von ihm her zugleich selbst mit definieren. Der vorliegende Überblick über neuere Abrahamliteratur geht an dieser Frage entlang und stellt heraus, daß "unser" nicht in erster Linie als Possessivpronomen, sondern als Beziehungswort zu verstehen – und zu füllen – ist.

The expression "Abraham our father" has always been interpreted with excluding tendencies. This is by no means astonishing. Whoever claims Abraham to be the own ancestor is at the same definig him- or herself. The present review of recent publications dealing with Abraham has ist focus on this connection and it emphasizes that "our" father is not to be understood as a possessive pronoun in the first place but as an expression of relation.