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Humboldt-Universität zu Berlin - Praktische Theologie und Religionspädagogik

Zoom-Vortrag: Wenn Heilungswunder verletzen

 

 

Biblische Heilungsgeschichten erzählen von der Hoffnung, dass Gott die Welt und das Leben des einzelnen Menschen verändert. Doch es sind zugleich Geschichten, die verletzen können: dann nämlich, wenn die Hoffnungsbilder der „Blinden, die sehen" und der „Lahmen, die gehen" Vorstellungen vom „normalen" und wünschenswerten Leben transportieren, die Menschen mit Behinderung abwerten. Lassen sich Heilungsgeschichten anders lesen?   

Dieser Frage ist die Theologin und Autorin Susanne Krahe am 26.11.2020 in einem Zoom-Vortrag angeboten vom Lehrstuhl für Praktische Theologie und Religionspädagogik nachgegangen.

Als Provokationen, die die Auseinandersetzung mit ihnen dynamisch halten, empfindet Krahe, die mit 30 Jahren erblindete, die biblischen Heilungsgeschichten bis heute. Denn bei den meisten Heilungswundern stünde nicht ihr inkludierender Akt im Fokus, sondern die Veränderung der geheilten Person. Die Heilung interveniere im Leben und bestätige die Randständigkeit der geheilten Personen. 

Sie würden zu Objekten, von denen wir weder einen Namen noch den weiteren Verlauf ihres Lebens nach der Heilung erfahren würden. Stattdessen stünden sie kategorial für etwas, das an ihrem Beispiel aufgezeigt würde. Laut Krahe, die in ihrem Vortrag mehrere Deutungsangebote zu Heilungswundern referierte (christologische und eschatologische Funktion, sowie Ansätze von Ulrike Metternich und Dorothee Wilhelm), liege das auch daran, dass es den Evangelisten schwer gefallen sein muss, sich in die Lebensrealität von behinderten Menschen hineinzuversetzen. Und doch liest sie aus den Evangelien eine Möglichkeit zum Perspektivwechsel: Wenn Jesus nämlich vor manchen Heilungen fragt: „Was willst du, was ich für dich tun soll?“ Eine Frage, die die Betroffenen zu Subjekten macht und ihnen die Deutung über ihr Leben ermöglicht. Die Komplexität dieser Frage zeigt an, dass es sich bei den Heilungserzählungen der Evangelien um schematisierte Texte mit ethischer Absicht handelt und nicht um Lebensgeschichten. Dafür fehlen ihnen die Perspektiven von Menschen mit Behinderungen.