Humboldt-Universität zu Berlin - Praktische Theologie und Religionspädagogik

Humboldt-Universität zu Berlin | Theologische Fakultät | Praktische Theologie und Religionspädagogik | Nachrichten | Zoom-Vortrag „Empirische Zugänge und Befunde zu Globalem Lernen"

Zoom-Vortrag „Empirische Zugänge und Befunde zu Globalem Lernen"

Wie lässt sich verhindern, dass ein pädagogisches Konzept, das „das große Ganze“ in den Blick nimmt, ausfasert? Dieser Herausforderung stellte sich am 9. November Annette Scheunpflug, Vorsitzende der EKD-Bildungskammer, die Globales Lernen seit über 20 Jahren erforscht. Strukturen und Mechanismen sind eine unbedingte Lehrdimension des Globalen Lernens, so das Fazit der Pädagogik-Professorin. Ihre Herleitung ist der Versuch einer Summe aus empirischen Befunden.


Globales Lernen stützt sich auf die Maastricht Declaration von 2002 (Erklärung aller Bildungs- und Außenministerien in Europa) und geht aus von Niklas Luhmanns Feststellung über Weltgesellschaft, in der Weltdeutungen nur im Gesamthorizont – also dem weltweiten Referenzrahmen – möglich werden (Luhmann 1997). Unter Globalem Lernen werden also die Anteile im Bildungsprozess untersucht, die Weltgesellschaft erschließen und Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit ermöglichen. Um die umgreifenden Reflexionsanliegen dieses Konzeptes, wie weltgesellschaftliche Solidarität oder globale Gerechtigkeit, zu fassen, konzentrierte sich Annette Scheunpflug in einem ersten Schritt auf die Instruktionen der Lehrpersonen und die daraus gewonnenen Kompetenzergebnisse – im Rückgriff auf das Angebot-Nutzungsmodell (Haertel, Walber, Weinstein 1983; Weinert 1997) zur Unterrichtsuntersuchung.
Weil Globales Lernen Kompetenzen vermitteln soll, die über den eigenen Horizont hinausgehen, überprüfte Annette Scheunpflug vier Lehrtypen (basierend auf der Untersuchung von unterrichtsbezogenen Orientierungen von Lehrkräften, Taube 2021) auf diese Art von Kompetenz hin. Gerade den Lehrkräften, die die Komplexität der Weltgesellschaft auf ein subjekt-orientiertes Lernen beziehen, gelingt, dass sich ihre Schülerinnen und Schüler selbst zu dieser Komplexität verhalten müssen. In Schulstunden, in denen Komplexität nur reduziert wurde, oder als plurale Prozesse erfahrbar wurde, blieb eine Selbstpositionierung der Schülerinnen und Schüler aus.

Im zweiten Schritt ihrer Zusammenschau wertete Annette Scheunpflug Globales Lernen in globalen Settings aus, zu denen nicht nur Schulunterricht, sondern bspw. auch Freiwilligendienste gehörten. Hierbei interessierte sie besonders, wie in diesen Kontexten Weltsozialität wahrgenommen, begegnet und auf sie reagiert wird. Neben denjenigen, die durch eine Orientierung am Nahraum zu asymmetrischen Einordnungen (nämlich dem übergeordneten und untergeordneten) kamen, und denjenigen, die durch Fokus auf Vergemeinschaftung ausschließen, stimmten diejenigen mit der Zielvorgabe des Globalen Lernens überein, die Weltgesellschaft als abstrakten sozialen Raum verstanden.

Das Fazit der beiden Einzeldarstellungen veranschaulichte Annette Scheunpflug an einer Weltkarte: In der Grundschule ist als ein Lernziel definiert, dass Kinder Deutschland auf einer Weltkarte verorten können. Mit der Wahl der Weltkarte lassen sich Perspektiven und Selbstpositionierung beeinflussen. Denn eine Karte, auf der Europa zentriert ist, vermittelt einen ganz anderen Welteindruck als etwa eine Karte, die am Nullmedian ausgerichtet ist. Sich selbst in Dinge einordnen zu können, mit denen man nicht schon immer Erfahrung hat, das ist eine Kompetenz des Globalen Lernens. Darum ist die Strukturperspektive für Globales Lernen relevant: Wenn die zugrundeliegenden Mechanismen herausgearbeitet werden, mit denen Menschen in komplexen Zusammenhängen umgehen, dann wird eine Positionierung in ihnen und zu ihnen für die Lernenden möglich. Auch darum sollte im Globalen Lernen nicht übereinander, sondern miteinander gelernt werden.
In einer offenen Runde am Ende des Vortrags brachte das Publikum das Thema Wissenserwerb, den Religionsunterricht und die Frage nach Multiperspektivität ein.

 

211109_Scheunpflug.png