Neuerscheinungen
In aller Vielfalt. Geschlechter, Sexualitäten, Beziehungsformen im Neuen Testament und seinen Kontexten (herausgegeben von Tanja Forderer, Christine Gerber, Ursula Ulrike Kaiser und Silke Petersen)
Tübingen: Mohr Siebeck, 2026. 316 Seiten.
Dieser Sammelband wirft einen frischen Blick auf die Themen Geschlechter, Sexualitäten und Beziehungsformen im Neuen Testament und seinen Kontexten, insbesondere aus sozial-, geschlechter- und körpergeschichtlicher Perspektive. Die einzelnen Beiträge zeigen, dass in der Antike und im Neuen Testament andere Konzepte von Geschlecht, Körper und Fortpflanzung galten als heute: Eine Ehe war hierarchisch und, was die sexuelle Exklusivität betrifft, asymmetrisch konzipiert. Die heute als christliches Ideal geltende Vater-Mutter-Kind-Familie gab es so nicht, Sklaverei hingegen wurde als selbstverständlich praktiziert. Daher muss in Bezug auf die Menschen in den ersten christlichen Gemeinden immer intersektional bedacht werden, was die Aussagen für versklavte Personen einerseits, für ihre »Herr*innen« andererseits bedeuteten. Die Beiträge zeigen aber auch, dass Geschlechter, Sexualitäten und Beziehungsformen in der Antike vielfältig verstanden und gelebt wurden und Normen und Ideale in den ersten christlichen Gemeinden umstritten waren. Die Einsicht in die Andersheit der Welt der neutestamentlichen Texte mahnt, nicht unvermittelt christliche Ideale aus ihnen für heute abzuleiten. Gleichzeitig öffnen die Wahrnehmung der Vielfalt des Lebens in der Antike und der Gegenwart und der Abstand zwischen diesen Zeiten und Welten einen Diskurshorizont. Dies berücksichtigend lädt der Band dazu ein, im Spiegel der Texte auch die heutigen gesellschaftlich-kulturellen Gegebenheiten und ihre subtileren, aber gleichwohl wirksamen Machtverhältnisse zu reflektieren.
Der Brief an die Epheser (Ökumenischer Taschenbuchkommentar 10), Gütersloher Verlagshaus 2026 (im Druck)
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2026. 632 Seiten.
Der Brief an die Epheser ist nach der christlichen Tradition ein Schreiben des Apostels Paulus an die von ihm gegründete Gemeinde von Ephesus. Schaut man genauer hin, stellen sich aber Fragen ein: Was soll überhaupt der Anlass dafür gewesen sein, dass Paulus diesen Brief schrieb? Es geht, wie sonst in echten Paulusbriefen, offenbar nicht darum, die Beziehung zu pflegen und etwa Streitfragen in der Gemeinde zu regeln. Dafür enthält das Schreiben aber viele grundsätzliche Ausführungen. Seine hohe Christologie, die Metapher von der Kirche als Braut und Leib Christi sowie die Begründung der patriarchalen Ehe wirken zwar bis in die kirchliche Gegenwart, dürften den Apostel zu seinen Lebzeiten aber eher weniger beschäftigt haben.
Diese Auslegung geht darum davon aus, dass der Epheserbrief ein offenes Pseudepigraph ist: Ein erkennbar fiktiver Brief, der einige Jahrzehnte nach dem Tod des Paulus abgefasst wurde, um die paulinische Theologie fortzuschreiben; nach dem Motto: Was Paulus uns heute geschrieben hätte, wenn er noch lebte.
So bietet dieser Kommentar einen spannenden Einblick in das theologische Ringen der frühen Kirche darum, im Kontext antiker Gesellschaftsordnung eine christliche Identität von jüdischen und nichtjüdischen Glaubenden auszubilden.

