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Humboldt-Universität zu Berlin - REVIER

REVIER: Religiöse Vielfalt erleben – deuten – bewerten. Religionspädagogische Untersuchungen zum Umgang Jugendlicher mit religiös pluralen Situationen.

 

Kurze Beschreibung des Projekts und seiner Ziele

 

REVIER ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes Forschungsprojekt, das den Umgang Jugendlicher mit religiöser Pluralität untersucht.

 

Geleitet wird REVIER von PD Dr. Dr. Joachim Willems, Heisenberg-Stipendiat der DFG.

Als Studentische Mitarbeiterinnen sind im Projekt beschäftigt Juliane Behrndt und Friederike Schulze-Marmeling.

 

Voraussichtliche Laufzeit des Projekts: Oktober 2012 bis September 2015

 

Zusammenfassung

Unter welchen Bedingungen erleben und beurteilen Jugendliche religiöse Pluralität als problematisch oder unproblematisch? Welche Konsequenzen ergeben sich aus einer empirischen Klärung dieser Frage für die Entwicklung einer multidisziplinär ausgewiesenen religionspädagogischen Theorie der kulturellen Steuerung des Umgangs mit religiöser Pluralität und für die Weiterentwicklung einer interreligiös orientierten Religionsdidaktik?

Diese Fragen sollen in REVIER beantwortet werden. Zu diesem Zweck ist empirisch zu erheben, in welchen Fällen Jugendliche unterschiedlicher Religionszugehörigkeit eine interreligiöse Überschneidungssituation als einen interreligiösen Critical Incident (CI) oder einen interreligiösen Non-Critical Incident (NCI) erleben, wie Jugendliche interreligiöse CI und NCI interpretieren, und unter welchen Bedingungen religiöse Pluralität als 'problematisch' oder als 'unproblematisch' interpretiert wird.

Zur Ermöglichung des empirischen Teils des Projekts ist zunächst ein theoretischer bzw. heuristischer Rahmen für die Formulierung der Interview-Leitfäden und die Interpretation der Interviews zu erarbeiten, der Ergebnisse aus den Bereichen der Sozial- und Entwicklungspsychologie sowie der Religionssoziologie berücksichtigt.

In enger Verzahnung mit den empirischen Teilprojekten soll eine religionspädagogische Theorie der kulturellen Steuerung des Umgangs mit religiöser Vielfalt in Gesellschaft und Schule erarbeitet werden, die eine Klärung normativer Fragen einschließt und didaktische Konsequenzen für einen interreligiös orientierten Religionsunterricht zieht.

 

Ziele des Projekts

Ziel von REVIER ist es, in zwei vorrangig empirisch ausgerichteten und einem vorrangig theoretisch ausgerichteten Subprojekt die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. Unter welchen Bedingungen erleben und beurteilen Jugendliche interreligiöse Begegnungen und religiöse Pluralität als problematisch oder unproblematisch?
  2. Welche Konsequenzen ergeben sich aus einer empirischen Klärung dieser Frage für die Entwicklung einer multidisziplinär ausgewiesenen religionspädagogischen Theorie der kulturellen Steuerung des Umgangs mit religiöser Pluralität und für die Weiterentwicklung einer interreligiös orientierten Didaktik?

In öffentlichen Diskursen (nicht erst seit dem 11. September 2011) wird religiöse Pluralität vorrangig als etwas problematisches angesehen. Dies ist erstaunlich, weil Deutschland vor allem aufgrund der Spaltung der Christen in Katholiken und Protestanten religiös plural ist, gerade deren Verhältnis zueinander sich aber in den letzten Jahrzehnten weitgehend unproblematisch gestaltet. Offensichtlich werden nur bestimmte Formen von religiöser Pluralität als problematisch empfunden, in Deutschland wohl vorrangig die Koexistenz mit Muslimen.

In der Religionspädagogik ist es Konsens, dass zu den Zielen des Religionsunterrichts gehört, Schülerinnen und Schüler zum adäquaten Umgang mit Angehörigen anderer Religionen und Weltanschauungen zu befähigen und eine Haltung starker, aktiver Toleranz zu fördern. Deshalb muss untersucht werden, wie interreligiöse Überschneidungssituationen von Jugendlichen gedeutet werden, warum welche Formen von religiöser Pluralität als problematisch bzw. als unproblematisch empfunden werden, und welchen spezifischen Beitrag der Religionsunterricht dazu leisten kann, Wahrnehmungen von religiöser Pluralität als problematisch zu bearbeiten. Weder kann es im Religionsunterricht darum gehen, Probleme im Zusammenleben zu leugnen und Schülerinnen und Schüler zu einer unkritischen Bejahung jeder Form von Pluralität zu drängen, noch darf sich der Religionsunterricht anmaßen, durch Pädagogisierung Probleme aus der Welt schaffen zu wollen, die politischer oder sozialer Natur sind. Vielmehr geht es im Religionsunterricht darum, interreligiöse Kompetenzen und aktiv tolerante Einstellungen zu stärken.

Vor diesem Hintergrund soll es im hier beantragten Projekt darum gehen, empirisch und theoretisch zu klären, was die Wahrnehmung von religiöser Pluralität als problematisch bzw. unproblematisch unterscheidet, und daraus Konsequenzen zu ziehen für die theoretische und praktische Weiterentwicklung einer interreligiös orientierten Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts.

 

1. Der Schwerpunkt der empirischen Projektteile liegt auf folgenden Fragen:
a) In welchen Fällen erleben Jugendliche eine Situation als einen interreligiösen Critical Incident (CI) oder einen interreligiösen Non-Critical Incident (NCI)?

Im Hintergrund steht die Überlegung, dass es keine interreligiösen CI außerhalb ihrer Deutung 'gibt' (ob dies für NCI gilt, wäre noch zu diskutieren), sondern dass solche CI durch eine entsprechende Deutung erst konstituiert werden: In der Perspektive der Beteiligten handelt es sich erst dann um einen interreligiösen CI, wenn es von den Interagierenden als für eine Situation relevant angesehen wird, dass die Interagierenden sich unterschiedliche konfessionelle oder religiöse Zugehörigkeit zuschreiben. Zu fragen ist also, in welchen Situationen sie die Kategorie 'religiös' überhaupt verwenden (oder auch nicht verwenden), um Grenzen zwischen Gruppen zu ziehen und zu markieren.

b) Wie werden interreligiöse CI bzw. NCI von Jugendlichen interpretiert?

Interreligiöse CI sind per definitionem solche interreligiösen Überschneidungssituationen, die von den Beteiligten unterschiedlich interpretiert werden. Um interreligiöse CI zu verstehen, ist es daher nötig, die jeweiligen Deutungen eines interreligiösen CI zu rekonstruieren und durch weitere Deutungen Außenstehender zu ergänzen. Für NCI ist zu fragen, ob bzw. unter welchen Bedingungen auch hier unterschiedliche Interpretationen vorgenommen werden.

Im Blick auf die Interpretationen interreligiöser Überschneidungssituationen durch Jugendlich ist insbesondere zu fragen: Welche kognitiven, affektiven, evaluativen, konativen  Schemata, Strukturen und Konzepte bringen Jugendliche bei der Betrachtung religiöser Vielfalt und anderer Religionsgemeinschaften zur Anwendung? Was wird von ihnen als selbstverständlich vorausgesetzt? Auf diese Weise soll es in REVIER unternommen werden, kulturelle Deutungsmuster zu erheben, die die Wahrnehmung von religiöser Vielfalt und anderen Religionsgemeinschaften durch die Jugendlichen leiten.

c) Unter welchen Bedingungen wird religiöse Pluralität als problematisch bzw. unproblematisch interpretiert?

REVIER geht davon aus, dass religiöse Pluralität nicht per se als problematisch empfunden wird, sondern nur unter bestimmten Bedingungen und in bestimmten Kontexten. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass in die Interpretation einer Situation als eines interreligiösen CI das Vorverständnis darüber eingetragen wird, ob diejenige Religion, der die oder der andere Interagierende angehört, Teil einer 'problematischen' oder einer 'unproblematischen' religiösen Pluralität ist. Zur Klärung dieser Frage ist zu erheben, welche religiös konnotierten bzw. interpretierten Konflikte Jugendliche überhaupt erleben oder für möglich erachten. Zugleich kann das Erleben einer interreligiösen Überschneidungssituation in Folge von Generalisierungen auf das Bild einer ganzen Religionsgemeinschaft Auswirkungen haben. Vor allem diese letzte Frage zeigt die Relevanz des hier beantragten Forschungsprojekts für die pädagogische Praxis auf, geht es doch in interkulturellen wie interreligiösen Lernprozessen auch darum, tatsächliche oder potentielle gesellschaftliche Konflikte zu bearbeiten.

Methodisch sollen zur Beantwortung der genannten Fragen problemzentrierte Gruppen- und Einzelinterviews mit Jugendlichen unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit geführt werden, in denen die Interviewten zu eigenen Erfahrungen mit interreligiös relevanten Situationen (CI und NCI) und zu Sichtweisen auf und Umgangsformen mit religiöser Pluralität befragt werden. Die Auswahl der zu interviewenden Jugendlichen soll erfolgen nach vorab definierten Kriterien. Wie in qualitativen Untersuchungen üblich, wird Repräsentativität nicht angestrebt, es soll aber ein breites Spektrum an unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten im Sample repräsentiert sein (sowohl solche, die vermutlich von anderen eher als problematisch empfunden werden, als auch vermutlich unproblematische; im jeweiligen Kontext häufiger und seltener vorkommende Religionszugehörigkeiten), und ebenso ein breites Spektrum an Aktivitätsgraden innerhalb einer Religionsgemeinschaft. Darüber hinaus sollen Jugendliche aus mehr und aus weniger religiös pluralen Wohnbezirken und Schulen untersucht werden. Die Auswertung der Interviews mit Methoden der rekonstruktiven Sozialforschung (Bohnsack, Nohl) soll offenlegen, welche expliziten Alltagstheorien die Jugendlichen zu religiöser Pluralität haben und welche impliziten Überzeugungen und Deutungsmuster ihre Wahrnehmung von religiöser Pluralität steuern.

 

2. Im theoretischen Teil des Projekts geht es darum,

die hier zunächst heuristisch gedachten Konzepte von 'problematischer' und 'unproblematischer' religiöser Pluralität näher zu definieren und in eine Theorie der kulturellen Steuerung des Umgangs mit religiöser Pluralität zu integrieren, die zwischen den Ebenen unterschiedlicher Umgebungskulturen (einschließlich Religionskulturen), in die Jugendliche eingebunden sind, einer spezifischen Klassen- oder Schulkultur und individuellen Weltsichten unterscheidet.

Dabei sind zunächst die Kriterien dafür zu klären, eine interreligiöse Überschneidungssituation als CI oder als NCI zu klassifizieren. Als vorläufige Definition geht REVIER davon aus, dass ein CI dann vorliegt, wenn sich in einer interreligiösen Überschneidungssituation die Interagierenden an ihren jeweiligen religionskulturellen Codes und Deutungs-/ Bewertungsmustern orientieren und es dadurch zu konfliktträchtigen Missverständnissen oder zur Bestätigung von negativen Stereotypisierungen kommt. Ein NCI dagegen liegt dann vor, wenn in der Perspektive der Interagierenden Kommunikation in einer interreligiösen Überschneidungssituation gelingt. Näher zu bestimmen ist dann im hier beantragten Projekt, ob ein CI oder ein NCI in solchen interreligiösen Überschneidungssituationen vorliegt, in denen es zur Erfahrung von Fremdheit oder sogar zu Missverständnissen kommt, dies aber von einem oder mehreren Interagierenden kognitiv und emotional positiv bewertet wird.

Die im hier beantragten Projekt zu entwickelnde Theorie muss sich sodann beziehen auf Ergebnisse der Entwicklungs- und Religionspsychologie sowie der Religions- und Kulturwissenschaften. Neben der kulturwissenschaftlichen Klärung, wie der Umgang mit religiöser Pluralität kulturell gesteuert wird, hat eine solche Theorie, wenn sie denn religionspädagogisch ausgerichtet ist, auch normativ zu reflektieren, was in (religions-)pädagogischer, gesellschaftlich-politischer und interkulturell-philosophischer Hinsicht eine angemessene Bearbeitung interreligiöser Critical Incidents und interreligiöser Konflikte ist, da solche Konflikte jeweils politische, pädagogische, ökonomische und andere Aspekte haben können und daher die Bearbeitung nicht einem dieser Bereiche allein zugeordnet werden kann, und da das Ziel einer konfliktfreien Gesellschaft allenfalls in einer eschatologischen Perspektive erstrebenswert ist. Diese Überlegungen haben Auswirkungen auf die Begründung von Lernzielen für interreligiöses Lernen, da daraus beispielsweise folgt, dass es kein Ziel des Unterrichts sein kann, religiöse Vielfalt grundsätzlich als unproblematisch darzustellen und den Schülerinnen und Schülern eine solche Sichtweise zu vermitteln.

Des weiteren ist schulpädagogisch und lernpsychologisch zu klären, wie sich kulturelle Codes im Blick auf den Umgang mit religiöser Vielfalt verhalten zu deren Erscheinung im schulischen Unterricht (Schul- und Klassenkultur) und ihren Widerspiegelungen in individuellen Konzepte und Weltsichten Jugendlicher. Dadurch, dass diese Perspektiven unter Einbeziehung der Ergebnisse der empirischen Teile des Projekts zusammengebracht werden, wird es ermöglicht, die Entstehung und Entwicklung von individuellen Bewertungs- und Deutungsmustern in ihrem Wechselspiel mit der Umgebungskultur genauer zu beschreiben und zu bestimmen,

  • welchen Einfluss schulischer Unterricht auf die Veränderung bzw. Differenzierung solcher Bewertungs- und Deutungsmuster haben kann,
  • was Enkulturation unter den Bedingungen einer nicht-indoktrinierenden konfessionellen religiösen Bildung und unter den Bedingungen von 'super-diversity' bedeuten kann, wenn individuell internalisierte religiöse Weltsichten auf eine Vielzahl an Kulturen als objektive Wirklichkeiten (im Sinne von Berger/ Luckmann) bezogen sind,
  • wie sich Unterricht produktiv auf die Unterschiede zwischen verschiedenen (religions-)kulturellen Deutungs- und Bewertungsmustern beziehen kann (bei Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, Unterrichtsmaterialien, in den Umgebungskulturen),
  • und welche weiteren Konsequenzen sich daraus ergeben für die Weiterentwicklung einer interreligiös orientierten Religionsdidaktik.