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Humboldt-Universität zu Berlin - Literatur-, Religions- und Zeitgeschichte des Urchristentums

Geschichte des Lehrstuhls


Martin Albertz

Die Geschichte des Lehrstuhls für Literatur-, Religions- und Zeitgeschichte des Urchristentums beginnt mit der Bekennenden Kirche, die die theologische Ausbildung wegen der massiven Einflussnahme von NSDAP und »Deutschen Christen« auf die Belange der Universitätsfakultät ab 1935 unabhängig zu organisieren versuchte und dafür die Kirchliche Hochschule der Bekennenden Kirche in Dahlem gründete. Bis zur erzwungenen Einstellung des Lehrbetriebs 1941 vertrat dort Martin Albertz (1883–1956) das Neue Testament.

Unmittelbar nach Kriegsende im Sommer 1945 wurde der Unterricht in Zehlendorf unter der kommissarischen Leitung des Deißmann-Schülers Johannes Schneider (1895–1970) wieder aufgenommen, der das Neue Testament gemeinsam mit Albertz lehrte und wie dieser ab 1946 auch an der Humboldt-Universität involviert war. Schneider erhielt dort 1950 eine ordentliche Professur. Albertz schied bereits 1948 zugunsten seines Pfarramts in Spandau wieder aus dem Lehrkörper aus. Als Frucht seiner Vorlesungen erschien ab 1946 sein mehrbändiges, formgeschichtlich orientiertes Hauptwerk zur »Botschaft des Neuen Testaments«.


Herbert Braun Mit Herbert Braun (1903–1991) konnte 1947 ein Lehrer gewonnen werden, der sich in Königsberg aus der Bekennenden Kirche heraus um ein Ausbildungsprogramm für Theologiestudenten bemüht hatte, das Alternativen zum Angebot der nationalsozialistischen Universität bieten sollte. In Berlin, wo er zunächst als Dozent, nach dem Weggang von Albertz schließlich als Professor wirkte, zeichnete sich sein Unterricht vor allem durch ein starkes Interesse an religionsgeschichtlichen Fragestellungen aus. Neben Besprechungen von Rudolf Bultmanns Werk veröffentlichte er »Exegetische Randglossen zum 1. Korintherbrief« (1948) und eine Untersuchung »Zur Terminologie der Acta von der Auferstehung Jesu«, in dem Jahr, als er einen Ruf nach Mainz annahm (1952).


Ernst Fuchs Ernst Fuchs (1903–1983) übernahm den Lehrstuhl ab 1955. In dieser Zeit veröffentlichte er die zwei ersten Bände seiner gesammelten Aufsätze und Vorträge (»Zum hermeneutischen Problem in der Theologie. Die existentiale Interpretation«, 1959; »Zur Frage nach dem historischen Jesus«, 1960). Fuchs entschied sich noch vor dem Mauerbau am 13. August 1961, Berlin zu verlassen und einem Ruf nach Marburg zu folgen. Einfluss gewann er in Berlin auch durch seine Schüler Christoph Demke und Eberhard Jüngel, die nach dem Mauerbau am Sprachenkonvikt die Verantwortung für das Neue Testament und die Systematische Theologie übernahmen.


Ulrich Wilckens Fuchs' Nachfolger wurde 1960 der spätere Bischof von Holstein-Lübeck/Nordelbien Ulrich Wilckens (geb. 1928), der in Zehlendorf seinen ersten Lehrstuhl erhielt, bevor er 1968 nach Hamburg wechselte. In der Berliner Zeit veröffentlichte er seine Heidelberger Habilitationsarbeit »Die Missionsreden der Apostelgeschichte. Form- und traditionsgeschichtliche Untersuchungen« (1961), ein Studienbuch »Gottes Offenbarung. Ein Weg durch das Neue Testament« (1963) und etliche Paulusstudien, die nach seinem Weggang aus Berlin unter dem Titel »Rechtfertigung als Freiheit« (1974) erschienen. In die Berliner Zeit fiel auch die Vorbereitung für eine Übersetzung und Kommentierung des gesamten Neuen Testaments, ein Werk das 1970 erschien: »Das Neue Testament, übersetzt und kommentiert von Ulrich Wilckens«.


Walter Schmithals Größte Kontinuität stellte sich dann mit Walter Schmithals (1923–2009) ein, der 1968 aus Marburg an die Kirchliche Hochschule kam und ihr bis zu seiner Emeritierung 1988 treu blieb. Schmithals hat in dieser Zeit und darüber hinaus ein außerordentlich reiches wissenschaftliches Œuvre geschaffen. Besonders hervorzuheben sind seine Verdienste um die Vermittlung der Arbeit seines Lehrers Rudolf Bultmann, angefangen mit der Einführung in »Die Theologie Rudolf Bultmanns« (1966) und fortgesetzt durch eine Reihe von Beiträgen, die wie etwa der TRE-Artikel zu Bultmann (1981) in Berlin entstanden sind. Die vielfältigen Veröffentlichungen von Schmithals zum Neuen Testament sind von einer beispielhaften Kenntnis forschungsgeschichtlicher Zusammenhänge geprägt. Seinen expliziten Niederschlag fand dieses Interesse u.a. in der »Einleitung zu den ersten drei Evangelien« (1985).


Bild Breytenbach Cilliers Breytenbach (geb. 1954) wurde am 31. Oktober 1989 als Nachfolger von Schmithals auf den neutestamentlichen Lehrstuhl der Kirchlichen Hochschule in Westberlin berufen. Neun Tage später öffnete sich die Berliner Mauer, so dass sein Wechsel von München nach Berlin am 1. April 1990 unter völlig veränderten Bedingungen stattfand. Im Rahmen der Fusionierung der Berliner Ausbildungsstätten wurde Breytenbach im Juni 1993 auf den Lehrstuhl für Literatur-, Religions- und Zeitgeschichte des Urchristentums an der neuen Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität berufen. Trotz Rufen nach Kampen (1992), Bonn (1994), Marburg (2002) und Pretoria (2009) blieb er in Berlin.


 

Zur Geschichte der neutestamentlichen Wissenschaft an der Berliner Universität vor 1945