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Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ)

35. Jahrgang, Heft 2/2018

Endzeit ohne Ende?

 

 

ALEXANDER-KENNETH NAGEL

Die Gegenwart der Endzeit. Denkmodelle und Forschungsperspektiven

 

 

Der Beitrag skizziert eine religionswissenschaftliche Perspektive auf apokalyptische

Deutungsmuster in der Gegenwart. In einem ersten Schritt verdichtet er

literaturtheoretische und medienwissenschaftliche Ansätze der Apokalypse-Forschung

zu einem Deutungsrahmen, der die Bildsprache, den narrativen Aufbau

sowie die Handlungslogik apokalyptischer Erzählungen integriert. In einem

zweiten Schritt werden unter Rückgriff auf wissenssoziologische Ansätze die Internalisierung

apokalyptischer Deutungsmuster (vor allem im Rahmen der Medienrezeption)

sowie ihre Relevanz für die Situationsbestimmung und die Handlungsebene

als Fragerichtungen herausgearbeitet. In einem dritten Schritt werden

schließlich Strategien für die angewandte empirische religionswissenschaftliche

Endzeitforschung formuliert und anhand ausgewählter Fallstudien illustriert.

 

The article develops a religious studies perspective on contemporary apocalypticism.

In a first step it reviews existing approaches in the study of apocalypticism

from literature theory and media studies and derives an interpretative framework to delineate apocalyptic narratives on the level of their motifs, dramaturgy and

logics of action. In a second step the article draws from the sociology of knowledge

and distinguishes two research avenues, namely the internalization of apocalyptic

narratives (particularly through media reception) and its capacity to shape situational

logics and to guide practical action. In a third step it outlines strategies for

applied empirical research on contemporary apocalypticism and uses a selection of

case studies for illustration.

 

 

KLAUS GEUS

Die „Heilige Aufzeichnung “ des Euhemeros als Beispiel einer Reiseutopie der hellenistischen Zeit

 

 

Obwohl das Wort „Utopie“ erst 1516 von Thoma Morus geschaffen wurde, gab es

die Sache schon avant la lettre. Besonders wirkmächtig waren die Vorstellungen

Platons(428 / 27–348 / 47 v. Chr.), der mit seinem „ Atlantis-Mythos“ eine Reihe von

literarischen Nachahmerprodukten bereits in der Antike lostrat. Dazu gehört die

„Heilige Aufzeichnung “ (Hiera Anagraphe) des Philosophen und Religionskritikers

Euhemeros von Messene (1. Hälfte des 3. Jh. v. Chr.). Eingekleidet war sein – heute

großenteils verloren gegangenes – Werk mit einer fiktiven Rahmenhandlung: der

Erzähler stößt während einer Fahrt im Indischen Ozean neben einer utopischen

Gesellschaft auf einer Südseeinsel auch auf eine uralte Inschrift, die ihm den Ursprung

der Götter – die früher „nur “ Könige und Heroen waren – offenbart. Durch die Verknüpfung von Reisehandlung und Apokalypse sowie durch den stetigen

Bezug auf Platon versucht Euhemeros seinen philosophischen Aussagen besonderes

Gewicht zu verleihen.

 

Although the word „Utopia“ was coined only in 1516 by Thomas More, the subject

existed avant la lettre. Particularly influential were Plato’s (428 / 27–348 / 47 BC) concepts

of the myth of Atlantis, which already in antiquity sparked a number literary

imitations. Among these is the “Sacred inscription” (Hiera Anagraphe) by the philosopher

and religious critic Euhemeros of Messene (first half of the third cent. BC).

His work, which has mostly been lost, was set in a frame story in which the narrator

on a journey in the Indian Ocean comes upon not only a utopian society in an

island in the Southern See but also an ancient inscription relating the origin of the

gods: Earlier these had “merely ” been kings and heroes. The association of voyage

narrative and apocalypse as well as the constant references to Plato lend particular

credence to Euhemeros’ philosophical statements.

 

 

JAN DOCHHORN

Glückliche Menschen in einer anderen Welt. Die Rechabiter und die Kinder des Mose in jüdischen und christlichen Quellen aus Antike und Mittelalter

 

 

Diskutiert wird Separatweltmotivik in der frühbyzantinischen Narratio Zosimi

und in der Eldad-Überlieferung aus dem mittelalterlichen Judentum. Laut der

Narratio Zosimi leben die Rechabiter, laut der Eldad-Überlieferung die Kinder des

Mose in einer besseren Welt, die von der unseren getrennt ist, jedoch partiell auch

mit ihr in Kontakt steht. Zwischen uns und der Separatwelt gibt es eine – wohl

weithin imaginative – Reisewelt, die geographisch und ethnographisch beschrieben

wird – in der Eldad-Tradition mehr als in der Narratio Zosimi.

 

This article mainly deals with the Rechabites of the early Byzantine Narratio Zosimi

and with the Children of Moses described in literature associated with Eldad Ha-

Dani from medieval Judaism. Both live in a separate / better world which is partially

connected to ours yet in the Eldad tradition there is more geography and

ethnology belonging to our world between us and the lucky separated people.

 

 

THOMAS SCHÖLDERLE

Joachim von Fiore. Apokalyptische Geschichtstheologie als Utopie?

 

 

Ende des 12. Jahrhunderts hatte der Zisterziensermönch Joachim von Fiore zwei

religiöse Erleuchtungserlebnisse. Fortan war er davon überzeugt, dass zur Weltzeit

des Vaters (Altes Testament) und jener des Sohnes (Neues Testament) noch ein

weiteres Stadium hinzutreten wird: das Dritte Reich des Heiligen Geistes. Dieses

dritte Weltzeitalter, so glaubte Joachim, sei gleichgesetzt mit dem tausendjährigen

Reich des Friedens, das Johannes in seiner Apokalypse prophezeit hatte. Kennzeichnend

für Joachims „Drittes Reich“ werde das kontemplative Leben der Mönche

sein. Und so gründete er nicht nur einen eigenen Orden, sondern entwarf auch

den Plan einer klösterlichen Siedlungsgemeinschaft von Mönchen, Priestern und

verheirateten Laien. Joachims Ideen gelten häufig als Paradefall einer mittelalterlichen

Utopie. Ein genauerer Blick lässt die Unterschiede zum Profil der neuzeitlichen

Utopie seit Thomas Morus’ Utopia (1516 ) aber weitaus deutlicher hervortreten

als die Gemeinsamkeiten: Zwar siedelt Joachim sein erwartetes Friedensreich

im Diesseits an und der Entwurf seiner Siedlungsanlage weist zahlreiche Parallelen

mit klassischen Utopiemodellen auf. Dennoch bleibt Joachims Geschichtstheologie

stets an einen göttlichen Heilsplan, an eine eschatologische Gewissheit

gebunden. Bei Joachim ist nicht der Mensch, sondern Gott das eigentliche Subjekt

der Geschichte.

 

At the end of the twelfth century, the Cistercian monk Joachim of Fiore experienced

two moments of religious enlightenment. Henceforth, he was convinced

that in addition to the world ages of the Father (Old Testament) and of the Son (New Testament), another period should come: the Third Kingdom of the Holy

Spirit. This third world age, Joachim believed, would be equivalent to the millennial

kingdom of peace that John prophesied in his revelation. Joachim considered

the contemplative life of the monks to be the key characteristic of his “Third

Reich”. And so he not only did found his own order, but he also laid down the plan

for a monastic settlement community of monks, priests and married lay people.

Joachim’s ideas are often held up as a prime example of a medieval utopia. However,

a closer examination reveals that the differences to the profile of the modern

utopia since Thomas Morus’ Utopia (1516 ) are significantly more evident than the

commonalities: No doubt Joachim expected the forthcoming Kingdom of peace in

this world and additionally the concept of his monastic community shows many

parallels to classic utopia models. Nevertheless, Joachim’s theology of history always

remains bound to a divine plan of salvation, to an eschatological certainty. In

Joachim, it is not man, but God, who is the actual subject of history.

 

 

HANS-JÜRGEN GOERTZ

„Die Veränderung der Welt steht vor der Tür “. Mystik, Apokalyptik und Utopie bei Thomas Müntzer

 

 

Thomas Müntzer war zunächst Sympathisant Martin Luthers und wurde noch im

reformatorischen Aufbruch zu einem seiner heftigsten Gegner. Angelegt war diese

Entwicklung in seinem Bemühen, die in der Rechtfertigung des Sünders zum Ausdruck

gebrachte Nähe Gottes zu den Menschen, wie sie in der dominikanischen

Mystik beschrieben wurde, mit der apokalyptischen Erwartung einer „Veränderung

der Welt “ auf das Reich Gottes am Ende der Zeiten hin zu verbinden. Der

Umbruch, den Gott im Inneren des Menschen bewirkt, zieht den revolutionären

Umbruch aller Verhältnisse unter den Menschen nach sich, so dass eine Welt der

Gerechtigkeit, Freiheit und des Friedens entstehen kann. So wurde Müntzer zum

Vordenker einer „konkreten Utopie“ (Ernst Bloch).

 

At first Thomas Müntzer was a Martin Luther sympathizer, but in the course of

the outbreak of the Reformation he became Luther’s most passionate opponent.

This development was intrinsically tied to Müntzer’s efforts to connect God’s

closeness to human beings as justified sinners described in Dominican mysticism

with the apocalyptic expectation of a “transformation of the world” into the Kingdom

of God at the end of time. The transformation that God worked in the interior

of human beings necessarily brought about a revolutionary transformation of all

human relationships, opening the way for a world of justice, freedom and peace. In

this way Müntzer became the intellectual forerunner of a “concrete utopia” (Ernst

Bloch).

 

 

JÖRN THIELMANN

Die Beschleunigung der Endzeit. Der „Islamische Staat “, das Paradies und die Apokalypse

 

 

Der selbsternannte „Islamische Staat “ brachte der seit dem 11. September 2001 präsenten

Gewalt im Namen des Islams eine apokalyptische Färbung. Trotz seiner

offensichtlichen militärischen Niederlage Ende 2017 scheint das legitimatorische

Potential der religiösen Quellen zwischen Vergangenheit und paradiesischer Zukunft

noch nicht erschöpft. Diese Genealogie ist jedoch im Licht des Einbruchs der

Moderne in die arabisch-islamische Welt kritisch zu befragen.

 

The self-proclaimed “Islamic State” added to the violence in the name of Islam,

present since 9 / 11, an apocalyptic colouring. Instead of his obvious military defeat by the end of 2017, the legitimizing potential of the religious sources between the

past and the future of paradise seems not to be exhausted. However, this genealogy

has to be questioned in the light of the intrusion of modernity in the Arab-Islamic

world.

 

 

DARIA PEZZOLI-OLGIATI

Das apokalyptische Imaginäre und die Herausforderung des Sehens. Filmische Inszenierungen der Katastrophe

 

 

Apokalyptische Motive durchdringen Science-Fiction-Filme, die mit der Zerstörung

der Welt hantieren. Dieser Beitrag zeigt unterschiedliche Arten von cineastischen

Verweisen auf die Apokalypse und verbindet sie mit der Frage nach der

Verbreitung religiöser Motive in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Dabei

spielt der Film eine wichtige Rolle in Tradierungsprozessen, in denen sich Konventionen

und Innovationen gegenseitig bedingen.

 

Apocalyptic motifs are widespread in science fiction films, particularly when it

comes to the destruction of the world. This contribution discusses different possibilities

to analyse the use of the Apocalypse in film by considering its influence

and diffusion in many social spheres. Films play a crucial role in transmission processes

where conventions and innovations are interwoven.